Die italienische Presse hat es durchschaut. "Die Dortmunder sind ein Vintage-Gegner mit vielen guten Spielern", schrieb der Corriere della Sera nach dem 2:0-Sieg Inter Mailands gegen Borussia Dortmund im Oktober, "die aber nach Schemen spielen, die vor zwanzig Jahren aktuell waren." Das heißt: Der BVB hat eine starke Mannschaft, aber keine moderne Strategie.

Das lenkt den Blick auf den Trainer. Lucien Favre und Borussia Dortmund – das klappt nicht so richtig und es wird wohl auch nichts mehr zwischen den beiden. Nach dem schauerlichen 3:3 gegen Paderborn steht er vor dem Aus, ihm würde vielleicht nicht mal ein Sieg in Barcelona an diesem Mittwoch viel helfen.

In Deutschland heißt es, Favre sei kein Motivator, nicht laut und emotional genug, zu nüchtern und sachlich. Man erwartet hier, dass ein Trainer viel schreit und am besten seine Coachingzone umgräbt. Dafür ist der Mann mit den Rehkitzaugen sicher der Falsche. Fachlich gebe es an Favre allerdings keine Zweifel, war oft zu lesen, ihm fehle bloß die Mentalität.

Favre wirkt tatsächlich wie ein Zauderer, doch vermutlich ist entscheidender, dass er einfach nicht das Mastermind ist, für den ihn manche in Deutschland und der Schweiz hielten. Die Borussia spielt auch unter Favre nicht wie ein Spitzenteam, auch wenn ihr manche gute Ergebnisse gelangen. Sie ist – das meint die italienische Zeitung – eine typische Bundesliga-Mannschaft: athletisch, dynamisch, talentiert, aber kopflos.

Sie ist kein aufeinander abgestimmtes Kollektiv, mit klaren Positionen und Hierarchien, das den Ball gemeinsam nach vorn trägt und mit jedem Meter Raumgewinn den Druck auf den Gegner erhöht. Sie ist keine Elf, die das Geschehen und den Ball in die Hälfte des Gegners verlagert, ohne dass das eigene Tor in Gefahr gerät. Favres Borussia spielt nicht den klug organisierten Fußball, wie er in Madrid, Turin oder Manchester en vogue ist.

Mehr Gegentore als Union Berlin

Diese strukturellen Mängel sind sogar in den Momenten zu erkennen, in denen die Dortmunder erfolgreich sind, bei ihren Toren. Im Angriff geht oft die Post ab, doch ihre Treffer fallen häufig nach groben Fehlern und mal mehr, mal weniger erzwungenen Ballverlusten des Gegners. Der BVB bleibt, mehr als Bayern München zum Beispiel, auf Zufälle angewiesen. Ein Fußballspiel bietet oft einige, manchmal aber wenige.

Um den Gegner systematisch und dauerhaft unter Druck zu setzen, fehlt es dem BVB an Ordnung und Klasse, speziell im Mittelfeld. Favre setzt gemäß seinem vorsichtigen Naturell oft auf das Duo Axel Witsel und Thomas Delaney, gleich zwei eher defensive Spieler. Sie sind solide Abräumer und Ballhalter, doch fällt es ihnen schwer, an Gegenspielern vorbeizuziehen. Trainer wie Maurizio Sarri, Antonio Conte oder Mauricio Pochettino würden sicher eine offensivere Lösung suchen.

Auch in der Abwehr sieht man nicht die Handschrift eines Meistercoachs. Die der Borussia ist nämlich oft konfus. Manchmal muss man sich die Augen reiben, wie frei Gegner vor dem Tor auftauchen. Selbst den Bundesliga-Torjäger Robert Lewandowski, siehe den Treffer zum 1:0 der Bayern vor gut zwei Wochen, ließen die Innenverteidiger mitten vor dem Tor unbehelligt sein Werk tun. Dafür gab es sogar einen Tadel vom Bundestrainer. Es ist auch egal, in welcher der vielen Variationen die BVB-Viererkette antritt, sie wirkt meist ungeführt, auch mit Mats Hummels, der im Sommer kam. Die Borussia fing sich in dieser Saison ein Gegentor mehr als Union Berlin.