Etwa 580.000 Euro soll Niko Kovač im Monat verdienen. Es gibt schlechter bezahlte Jobs im deutschen Fußball als den Posten als Trainer des FC Bayern. Allerdings ist davon auszugehen, dass ein Teil dieser Summe eine Art Schmerzensgeld ist. Es kompensiert all die Kritik und Häme, die ein Bayern-Trainer so einstecken muss. Es sei wirklich schön, dass Kovač als ehemaliger Eintracht-Trainer noch immer den Erfolg der Frankfurter im Sinn habe, war zum Beispiel nach dem 1:5 der Bayern im Netz zu lesen. Von Fernsehexperten wie Lothar Matthäus, der als Trainer immerhin mal serbischer Meister wurde, wird Kovač in der Bild-Zeitung "zerpflückt". Sogar die eigenen Spieler erwecken den Eindruck, dass sie eine Runde schmeißen würden, gäbe es nur endlich einen neuen Übungsleiter. Es gibt auch dankbarere Jobs im deutschen Fußball als den Posten als Trainer des FC Bayern.

An diesem Sonntag, so hieß es, sollte über die Zukunft von Niko Kovač entschieden werden. Und der FC Bayern hat sich vorerst entschieden, dass der Trainer am Mittwoch beim Champions-League-Spiel gegen Olympiakos Piräus auf der Bank sitzen wird. Egal aber, ob Kovač danach noch einmal weitermachen darf, vielleicht ja bis zum Spiel gegen Borussia Dortmund am kommenden Wochenende, oder nicht: Eine Ära wird der Kroate in München eher nicht begründen. Der FC Bayern scheint eine Nummer zu groß für ihn zu sein.

Wenn sich Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge nun über Kovačs Personalakte beugen, werden sie viele gute Gründe dafür finden, warum er nicht der Mann ist, der ihr Team weiterbringt: Nach zehn Spielen nur 18 Punkte, das ist der schlechteste Saisonstart seit neun Jahren. Die Mannschaft wirkt freudlos und ideenlos. Auch die vergangene Saison war alles andere als rosig. Gemessen an den Punkten war es die schlechteste Spielzeit seit 2012, da wurde der BVB Meister. Das Double hat Kovačs Debütjahr nur mehr schlecht als recht übertüncht, wie jetzt klar wird.

Die große Planlosigkeit der Bayern-Bosse

Niko Kovač - "Die Resultate sprechen gegen ihn" Der Trainer der Bayern stand schon vor der 5:1-Niederlage gegen Frankfurt in der Kritik. So reagieren einige Fans. © Foto: Leon Kuegeler/Reuters

"Es muss sich auf jeden Fall was ändern", sagte Manuel Neuer nach dem Spiel in Frankfurt, das klingt nicht so, als würde da jemand am Trainer hängen. Spätestens seit dem eher unnötigen Konflikt mit Thomas Müller hat Kovač aus der Kabine eher gar keine Unterstützung mehr zu erwarten. Zu oft kritisierte er seine Mannschaft, schob ihnen die Schuld zu, sprach ihnen gar die Qualität ab. Ein großer Trainer macht das nicht, selbst wenn es stimmen sollte.

Vor allem aber fehlt eine Spielidee, die aus mehr besteht, als den Ball irgendwie zu Robert Lewandowski zu bugsieren. Allein gewinnt aber nicht einmal der Dauertorschützenkönig Spiele, auch wenn er den einzigen Treffer der Münchner in Frankfurt so erzielte, als wolle er es nun wutschnaubend mit allen anderen aufnehmen. Für den FC Bayern ist das zu wenig, von einem Offensivplan ist kaum etwas zu sehen. Für welchen Fußball große internationale Trainer wie Guardiola oder Klopp stehen, ist bekannt. Aber Kovač-Fußball, was soll das sein?

Entlastendes aber würden die Bayern-Bosse auch finden, vorausgesetzt, sie sind zur Selbstkritik fähig. Ihr Trainer wird zum Gesicht der großen Planlosigkeit der vergangenen Jahre, hat sie aber nur am Rande zu verantworten. Seit Jahren wissen die Bayern nicht, wohin es gehen soll. Seit dem Abgang von Pep Guardiola reihten sie Fehleinschätzung an Fehleinschätzung. Carlo Ancelotti war den Bayern-Bossen zu gemütlich, sie ließen sich wieder einmal von Jupp Heynckes retten, nur um dann überrascht festzustellen, dass der irgendwann einfach keine Lust mehr haben würde, um wiederum dann festzustellen, dass sie die Verpflichtung von Thomas Tuchel verschlafen hatten. Dann halt Niko Kovač, der schon bei seinem Amtsantritt den Stempel "Zweite Wahl" aufgedrückt bekam. Das spürte er natürlich auch und wirkte von seinem ersten Tag als Bayern-Trainer an so zuversichtlich, entspannt und rückengedeckt wie einer, der täglich leicht blutend durch einen Fluss voller Piranhas schwimmen muss. Allein.

Sinnbild dafür, dass den Bayern der Kompass verloren ging, war die peinliche Sommertransferperiode. Spieler wie Leroy Sané, den die Bayern wollten, haben sie nicht bekommen, stattdessen 140 Millionen Euro für Spieler wie Lucas Hernández ausgegeben, der verletzt nach München kam und derzeit wieder verletzt ist. Oder für Benjamin Pavard, der zwar Weltmeister ist, aber wie in der französischen Nationalmannschaft einfach nur mitschwimmt. Selbst Philippe Coutinho, unbestritten ein großer Ballkünstler, überzeugte bisher kaum. Es ist wie mit seinem Trainer: Wofür steht eigentlich der FC Bayern? Bei beiden weiß man es nicht, wenigstens darin passen sie zusammen.

Hören sie ihm noch zu? Niko Kovač gibt Anweisungen an seinen Spieler Thomas Müller in Frankfurt. © Hasan Bratic/​dpa