Wenn ein Stadion erzählen könnte – Seite 1

Hinter Vitrinen und an den Wänden erinnern im Vereinsmuseum unzählige Trophäen, Pokale und Fotos an die Erfolge und besseren Zeiten des serbischen Seriensiegers Roter Stern Belgrad. Dann schiebt der freundliche Museumswächter Pedja die Glastür zur Ehrentribüne auf. Vor der Südtribüne habe Ulli Hoeneß 1976 seinen verunglückten Elfmeterschuss in den Stadionhimmel geschlagen, erzählt Pedja – und weist lächelnd auf das Tor zu seiner Rechten. 15 Jahre später war es das Tor zu seiner Linken, vor dem erneut ein deutscher Kicker Stadiongeschichte schrieb.

Vor den vor Freude tobenden Fans auf der Nordtribüne senkte sich am 24. April 1991 der Kerzenschlag von Klaus Augenthaler im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister kurz vor Abpfiff hinter dem verdutzten Bayern-Keeper Raimond Aumann ins Netz: Das Eigentor zum 2:2 machte für die "Sterne" den Weg zum Finalsieg gegen Marseille und an die Spitze von Europas Fußballspitze frei. "Diese Zeiten kehren zu uns niemals mehr zurück", sagt Pedja, der Hüter der Vereinstrophäen zuckt mit den Schultern.

Am Dienstag werden die Bayern zum Champions-League-Gastspiel in Serbiens Hauptstadt auflaufen. Die große Zeit des Roten Sterns ist vorbei, die verwitterte Betonschüssel des Marakana-Stadions aber ist geblieben. Nicht nur Sieger und Versager, Glücksritter und Ballkünstler, sondern auch Kriegsfürsten, Hooliganhorden und Pyromanen haben die turbulente Geschichte dieses serbischen Stadions geschrieben.

Die Nacht von Belgrad

Am Stadionanfang stand ein abgetragener Berg. Über drei Jahre dauerten von 1959 bis 1963 die Bauarbeiten an dem Stadion, das in eine Anhöhe unweit des Partizana-Stadions hinein gebaut wurde. 350.000 Kubikmeter Erdreich mussten weichen, bevor die Pilgerstätte der Sterne-Fans 1963 eröffnet wurde. Zunächst als Stehplatzstadion angelegt bescherte das Fassungsvermögen von 110.000 Zuschauern dem wuchtigen Rund seinen Spitznamen: Obwohl das Stadion seit 2014 offiziell nach der Vereinslegende Rajko Mitić benannt ist, wird es von den Belgradern in Anlehnung an die Fußballschüssel in Rio de Janeiro weiter unverdrossen Marakana-Stadion genannt.

Die Zahl der Plätze wurde im Lauf der Jahrzehnte auf heute 55.000 reduziert. Immerhin 89.000 Zuschauer verfolgten noch, wie 1973 das legendäre Ajax-Team um Johan Cruyff in Belgrad im Europapokalfinale gegen Juventus Turin (1:0) triumphierte. Drei Jahre später verloren sich beim EM-Finale zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei nur 30.000 Schaulustige auf den Rängen: Nach Jugoslawiens Halbfinal-Aus gegen Deutschland (2:4 nach Verlängerung) waren viele enttäuschte Fans zu Hause geblieben. In der legendären Nacht von Belgrad sollten sie im Elfmeterschießen nicht nur den lässigen Lupfer von Antonín Panenka, sondern auch den denkwürdigen Fehlschuss von Hoeneß verpassen. Dessen Ball würden sie "noch immer über den Dächern von Belgrad suchen", witzelte noch Jahre später Franz Beckenbauer.

Mit dem Europapokalsieg von 1991 erreichte der Rote Stern den Gipfel, aber verglühte schnell in den folgenden Jugoslawien-Kriegen (1991-1995). Das Titelteam zerfiel, die Stars verließen den international gesperrten Club. Auf den Rängen hatte fortan ein gefürchteter Kriegsherr das Sagen: Schon Ende der Achtzigerjahre hatte der mit dem Geheimdienst gut verbandelte Gangster Željko "Arkan" Ražnatović die Führung der berüchtigten "Delije"-Hooligans übernommen.

Der Kriegsfürst in der Trutzburg

Im Marakana-Stadion rekrutierte der Unterweltboss die Angehörigen für seine "Serbische Freiwilligengarde" – eine Miliz, die als "Arkan Tiger" in den Kriegen in Kroatien und Bosnien für Angst und Schrecken sorgte. Direkt gegenüber dem Haupteingang des Marakana residierte der Kriegsfürst bis zu seiner Ermordung im Januar 2000 in einer festungsähnlichen Villa: Die pompöse Trutzburg wird noch immer von seiner Witwe bewohnt – Serbiens Silikon- und Turbofolk-Ikone "Ceca".

Hatten vor den Kriegen Ballkünstler wie Dragan Džajić, Dragan Stojković, Siniša Mihajlović, Robert Prosinečki, Dejan Savićević oder Darko Pančev im Marakana-Stadion gezaubert, machte der Club nach der Jahrtausendwende vor allem durch blutige Hooliganausschreitungen, schwarze Transferkassen, verschobene Spiele sowie unbezahlte Spieler- und Trainergehälter von sich reden.

Das Stadionfoul des Jahrhunderts von einem Ex-Herthaner

Für Schlagzeilen sorgte auch der abgetakelte Stadionkoloss in den vergangenen Jahren eher abseits des Fußballfelds. "Gerechtigkeit für Uroš!", forderten in Belgrad jahrelang schablonierte Fangraffiti: Weil er einem Polizisten im Marakana-Stadion 2007 eine brennende Rauchfackel in den Mund zu stecken versuchte, war der Hooligan Uroš Mišić wegen Mordversuch erst zu zehn Jahren Haft verurteilt – und schließlich 2012 nach fünf Jahren entlassen worden.

Für den merkwürdigsten Trainerabschied der Vereinsgeschichte sorgte im März 2007 der bosnische Fußballlehrer Dušan Bajević. Nachdem Fans nach einer Derby-Niederlage gegen Partizan dessen Auto demoliert hatten, verließ der entnervte Coach beim Stand von 0:2 gegen Novi Sad schon in der 70. Minute die Trainerbank – und für immer seinen Arbeitsplatz.

Das Stadionfoul des Jahrhunderts beging 2013 der Ex-Herthaner Josip Šimunić. Bei Kroatiens WM-Qualifikationsgastspiel hastete er über das halbe Feld, um im vollen Lauf Serbiens durchgebrochenen Stürmer Sulejmani umzunieten. Seine verdiente Sperre saß der Rotsünder bis zur WM eigentlich rechtzeitig aus. Doch mit einem durchs Mikrofon skandierten Gruß der faschistischen Ustascha nach dem letzten Qualifikationsspiel gegen Island brachte sich der Überzeugungstäter selbst um das WM-Ticket nach Brasilien.

Unvergessen ist treuen Stadionbesuchern auch die aus dem Ruder gelaufene Meisterschaftsfeier im Mai 2018 geblieben. Nach dem 5:1-Sieg gegen Voždovac zogen die Spieler im offenen Bus vom Stadion in die Innenstadt. Weit kamen sie nicht: Schon auf der nahen Autobahnbrücke setzten die frisch gebackenen Meister ihr Gefährt versehentlich mit bengalischen Fackeln in Brand. Auf einem gepanzerten Fahrzeug und in Stahlhelmen rollten die Sterne-Kicker nach der geglückten Champions-League-Qualifikation gegen Young Boys im August um das Stadion und durch die Pyronebelschwaden. Ein paar ihrer Fans hatten das Marakana schon vor Anpfiff mit einem kriegerischen Stadionschmuck beglückt – und per Tieflader einen ausgedienten Panzer vor der Nordtribüne abgeladen.

Immerhin hat sich der Verein in den vergangenen Jahren dank kräftiger staatlicher Entschuldungshilfe finanziell und sportlich etwas konsolidiert: Zweimal in Folge hat der Club die Qualifikation für die Champions League geschafft. Ein echter Hexenkessel aber ist das Marakana nur teilweise. Waren vor Jahresfrist alle Karten innerhalb von drei Stunden ausverkauft, dürften auch gegen die Bayern wegen absurder Preiserhöhungen mehrere Tausende Plätze unbesetzt bleiben: In einem Land, in dem der Durchschnittslohn gerade einmal 450 Euro beträgt, sind bis zu 160 Euro einfach zu viel.

Im Vereinsmuseum zeigt eine futuristische Computeranimation von 2012 das erneuerte Stadiongemäuer mit einem neuen lichten Dach. Von "Science-Fiction" spricht seufzend der gute Museumsgeist des Marakana. Für eine Modernisierung mangle es an Mitteln und der Effekt von Teilausbesserungen sei in einem solch "gewaltigen Objekt" kaum zu bemerken, klagt Pedja und zitiert ein serbisches Sprichwort: "Eine alte Frau lässt sich nicht in ein junges Mädchen verwandeln."