Was im Sport erlaubt ist und was nicht, wird durch Regeln festgelegt. Ein Tritt, der nur auf das Knie eines Fußballers zielt, ist verboten. Ebenso in einem 100-Meter-Sprint drei Sekunden vor der Konkurrenz zu starten. Wer schummelt, wird bestraft, und in der Regel lernen Sportler daraus.

Womit man beim russischen Verhältnis zu Schuld und Sühne wäre. Russland hat die Sportwelt in diesem Jahrzehnt betrogen wie kein zweites Land und wurde dafür bestraft. Und trotzdem scheint es weiterzugehen: Offenbar manipulierten sie Daten, die aufklären sollten. Und greifen diejenigen an, die über ihre Strafe entscheiden.

Russland leistete sich heimlich ein staatlich protegiertes, flächendeckendes Dopingsystem. Nach einer ARD-Recherche und dank zweier Whistleblower flog es im Dezember 2014 auf. Mehr als 1.000 Sportlerinnen und Sportler sollen vom Betrug profitiert haben. 2014, als Russland Gastgeber der Winterspiele war, tauschten Geheimdienstler vor Ort in einem Keller positive Proben mit negativen aus. Die russischen Leichtathleten wurden von den Spielen in Rio 2016 ausgeschlossen, zudem etwa 100 weitere Sportler verschiedener Sportarten. Bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang startete Russlands Team mit neutraler Flagge, es war die Strafe für den Schummel.

Das IOC hob die Sperre aber kurz darauf auf und im September 2018 rehabilitierte die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada die russische Agentur Rusada. Das löste zwar weltweites Entsetzen aus, doch Russland war mit einem Bein zurück im Startblock, zurück im Weltsport, den es jahrelang genarrt hatte. Im Januar 2019 willigte die Rusada ein, Daten aus dem eigenen Labor bereitzustellen. Die sollten die Testergebnisse russischer Sportler zwischen 2012 und 2015 beinhalten und der letzte notwendige Schritt für Russlands Rückkehr sein. Wollten die Russen reinen Tisch machen?

Ein manipulierter Datensatz

Es sah zumindest ganz kurz danach aus. Bis die Wada im Juli Unregelmäßigkeiten am Datensatz aus Moskau feststellte. Russland hatte wahrscheinlich auch diese Ergebnisse verfälscht. Bis in den Januar 2019 hinein. Die Wada, die in diesen Tagen den Polen Witold Banka zu ihrem neuen Präsidenten wählt, berät deshalb derzeit über das Strafmaß gegen die Russen. Nach einer detaillierten russischen Antwort auf die Fragen nach der Datenmanipulation will sie sich bis Ende November Zeit nehmen. Der scheidende Wada-Chef Craig Reedie nannte den russischen Staatsdopingskandal am Ende seiner Amtszeit "den schlimmsten Fall eines Systemversagens in der Geschichte der Anti-Doping-Bewegung". Und es scheint noch nicht zu Ende zu sein. Sollte die Wada jetzt Hinweise auf eine erneute Manipulation finden, wird sie wahrscheinlich empfehlen, die Russen auch 2020 von den Spielen auszuschließen.  

Bisher ist es den einzelnen Sportverbänden überlassen, Strafen auszusprechen. Die Leichtathleten lassen die Russen bis heute nicht offiziell mitmachen, bei der Leichtathletik-WM in Doha im September starteten 30 Sportlerinnen und Sportler unter neutraler Flagge. Die Biathleten werden erst ab 2020 wieder vom Weltverband aufgenommen.

Man sei eben ein "Gewohnheitstäter". Dies sagte laut der Berliner Zeitung nicht irgendwer, sondern Juri Ganus, seit 2017 ist er Chef der Rusada. Er gibt sich als Kämpfer einer neuen Generation und fordert überraschend weitgehende Reformen. Ganus redet seit Wochen deutliche Worte: "Wir wurden betrogen", ist einer seiner Sätze und meint sich und die Sportler. Er glaubt, dass jemand im Sportministerium Bescheid weiß: "Fragen Sie Kolobkow", antwortete er einer Zeitung auf die Frage nach den Schuldigen und fordert indirekt seinen Rücktritt. Der frühere Weltklassefechter Pawel Kolobkow ist seit 2016 russischer Sportminister. Ganus glaubt, dass die Daten dort manipuliert wurden. Dass sie manipuliert wurden, das bestreitet er nicht. Nur eine Beteiligung seiner Rusada weist er von der Hand.