Das Verhältnis zwischen Russland und Polen mag gespannt sein, aber im Schach ist zum Glück vieles einfacher. Der junge Pole Jan-Krzysztof Duda und der mit allen Mattwassern gewaschene Moskauer Alexander Grischtschuk begrüßen einander zu ihrem großen Finale des Grand Prix in Hamburg mit Handschlag und freundlichen Blicken.

Am Brett und jenseits des Brettes sind sie faire Sportler, die einen respektvollen Umgang miteinander pflegen. Dies gilt für sie wie für die im Laufe des K.-o.-Turniers ausgeschiedenen anderen 14 Spieler aus insgesamt 9 Nationen. Die Schiedsrichter hatten über die zweieinhalb Wochen nicht einen Zwischenfall zu vermelden; für wie viele andere Sportereignisse ließe sich das sagen?

Beim Spiel aber schenken Duda und Grischtschuk sich nichts. In ihren beiden langsamen Finalpartien am Freitag und Samstag kann Grischtschuk jeweils aus der Eröffnung heraus Druck entwickeln, und beide Male, mit Weiß wie mit Schwarz, scheint sein Sieg greifbar zu sein. Doch Duda verteidigt sich so zäh wie phantasievoll und am Ende steht jeweils ein Remis.

Jan-Krzysztof Duda ist die Überraschung dieses Turniers. Wohl kaum ein Beobachter hätte prophezeit, dass er es ins Finale schaffen würde. Nacheinander warf er den sehr starken Russen Jan Nepomnjaschtschi, den starken Chinesen Yu Yangyi und den amtierenden Schnellschachweltmeister Daniil Dubow aus dem Rennen. Unaufhörlich rückt er in der Weltrangliste vor; in die Top Ten wird es bald geschafft haben. Erst 21 Jahre ist er alt, der Jüngste in diesem Grand Prix, und in Zukunft scheint noch vieles möglich zu sein.

Erst mal eine durchziehen

In seinem Anzug ist er ein freundlicher, fast etwas brav wirkender junger Mann, nett und adrett mit frisch gelegtem Haar. Gern würde man ihm eine Mitgliedschaft im Tennisclub attestieren, hätte er nicht dieses kleine, tennisuntypische Schachbäuchlein.

Alexander Grischtschuk dagegen, 36 Jahre alt, verheiratet mit der Schachgroßmeisterin Jekaterina Lagno, Vater von vier Kindern, ist superschlank und sieht immer etwas fertig aus. Man weiß nicht, liegt es am Schach, an den Kindern, an durchpokerten Nächten oder an den Stengeln, die er glimmen lässt: Er tritt auch während seiner Partien in der Hamburger Speicherstadt mal kurz vor die Tür an den Fleet, um eine durchzuziehen.

Seit Jahren zählt er zu den besten Spielern des Planeten. Dreimal ist er Weltmeister im Blitzen gewesen, jener schnellsten Form des Schachs, bei der für eine Partie nur 5 Minuten je Spieler zur Verfügung stehen.

Das Stechen am Sonntag, erforderlich geworden durch den Gleichstand in den beiden langsamen Partien, sieht nun eine gestaffelte Bedenkzeitverkürzung bis zur Entscheidung vor. Zunächst sind zwei Partien zu je 25 Minuten angesetzt. Pro ausgeführtem Zug bekommt jeder Spieler eine Gutschrift von 10 Sekunden, um eine Entscheidung durch abgelaufene Zeit möglichst zu verhindern.

Ein Grand Prix als vertane Chance

Alexander Grischtschuk betritt die schwarze Bühne im Theater Kehrwieder um kurz vor drei; die Zuschauer haben im Saal schon Platz genommen. Viele sind es nicht, ein paar Dutzend. Kommen so wenig, weil Weltmeister Carlsen hier nicht mitspielt, wie auf Spiegel Online gemutmaßt wurde? So stellt es die veranstaltende Firma World Chess gern dar. In Wahrheit ist es aber so, dass man sich ein Publikum erarbeiten muss, und daran lässt es World Chess fehlen. Website, Organisation, Darbietung des Geschehens, Streaming und Betreuung der Zuschauer sind gleichermaßen unzureichend. Insofern ist der Hamburger Grand Prix eine vertane Chance.

Den Spielern kann und muss es egal sein. Sie müssen sich auf ihr Eigentliches konzentrieren. Duda betritt die Bühne kurz nach Grischtschuk; er setzt sich an den Schachtisch und rückt seine Figuren zurecht. Die Uhr wird angestellt. Auf gehts!