Schach ist vielen Nichtschachspielern rätselhaft. Das ewige Sitzen, das lange Grübeln, das komplizierte Vorausberechnen von Zügen und dahinter die Frage, was daran denn nun so interessant sein soll. Mag ja noch angehen, wenn man selber spielt. Aber zwei anderen beim Nachdenken zuschauen?

Schachspieler sehen das naturgemäß anders. Eine Wettkampfpartie zu verfolgen kann ein ästhetischer Genuss sein. Dabei geht es nicht nur um das, was auf dem Brett geschieht, sondern auch um das, was geschehen könnte. Jede Partie ist von einer Sphäre der Möglichkeiten umgeben, die wahrzunehmen eine Frage der Übung und der Vertiefung ist.
Wer einmal in der Mucksmäuschenstille eines Saales die schweigenden Meister beim Aufs-Brett-Schauen beobachtet hat, geht entweder schnell wieder raus oder verliert sich im Sog dieses Antispektakels.

So ist es auch dieser Tage in der Hamburger Speicherstadt im Theater Kehrwieder, in dem sich 16 Weltklassespieler eingefunden haben, um in vier Etappen nach dem K.-o.-System einen Sieger zu ermitteln. Als am Donnerstag der erste Durchgang in die heiße Phase trat, waren die Zuschauer gebannt, erregt, verwirrt, euphorisch ob des Gebotenen – ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Erst draußen vor der Tür platzte es dann aus ihnen heraus.

Komplizierter als Schach

Der Höhepunkt des Tages war zweifellos der über lange Zeit ausbalancierte Kampf zwischen dem erfahrenen Aserbaidschaner Teimur Radjabow und dem jungen Russen Daniil Dubow. Radjabow, 32, einstiges Wunderkind, Nummer 9 in der Schachwelt, der gerade in Sibirien den World Cup unter 128 Konkurrenten gewonnen hat, gegen Dubow, 23, seit 2018 Weltmeister im Schnellschach, vor Magnus Carlsen!

Radjabow im gestreiften Hemd, das er seit Tagen trägt (oder er hat nur einen Typ gestreifter Hemden im Koffer) gegen den schlaksigen Dubow, der im schwarzen Dubow-Sweatshirt (mit seinem Namen auf dem Rücken) antritt. Zwei Denksportler, die sehr unterschiedliche Ansätze haben.

Radjabow, unter dessen Fingern die Figuren wie von selbst wunderbare Positionen einnehmen, gegen Dubow, dessen Konter gewaltige Schlagkraft haben. Einmal übersieht er eine Kombination seines Gegners, verliert einen Bauern, und es sieht nach einer raschen Niederlage aus – aber wenige Züge später schon hat er sich komplett neu sortiert und trägt einen furiosen Angriff vor.

Das Hamburger Turnier ist Teil des Grand Prix, einer vierteiligen Serie, deren Wertungsregelwerk noch komplizierter zu sein scheint als Schach selber. Hier mal eine vereinfachte Darstellung des Modus:

Einerseits folgt jedes der vier Turniere dem K.-o.-System. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen spielen zwei Duellanten je eine langsame Partie gegeneinander, die Farben wechseln. Bei Gleichstand gibt es am dritten Tag ein gestaffeltes Stechen mit zusehends verkürzten Bedenkzeiten. Wer ein Duell nach zwei oder drei Tagen gewonnen hat, kommt eine Runde weiter. So hat jedes der vier Turniere einen Sieger.

Aber – und nun kommt's: Auch die ausgeschiedenen Spieler bekommen Punkte gutgeschrieben, umso mehr, je weiter sie gekommen sind. Die beiden Spieler, die am Ende der Serie die meisten Punkte haben, qualifizieren sich für das Kandidatenturnier, bei dem im Frühjahr 2020 der nächste Herausforderer von Schachweltmeister Magnus Carlsen ermittelt wird.

Nicht verstanden? Macht nichts.