In Wien gibt es das wunderschöne Dörby of Love zwischen der Vienna und dem Wiener SC. Dort wird von Fans und Offiziellen vorgemacht, wie entspannt es bei einem innerstädtischen Fußballspiel zugehen kann. Natürlich necken sich die Fankurven während des Spiels, doch in der 3. Halbzeit wird gemeinsam getanzt und getrunken. Keiner haut sich, niemand schüttet dem anderen kostbares Bier über die Stirn. 

Nicht so in Berlin. Kurz nach dem Aufstieg des 1. FC Union Berlin in die Bundesliga kursierte ein Text im Netz, der jungen Hertharabauken zugeschrieben wurde: "(…) Derby hat damit begonnen (…), dass diese Hurensohnbande aufgestiegen ist. Und Derby heißt Krieg um jeden Zentimeter in Berlin. Jeder Einzelne muss das Maximum an Hass und Gewalt aufbringen und alles dafür tun, dass diese Missgeburten wissen (…)"

Man mag sich also nicht, erst recht nicht am Samstag, wenn die Hertha bei Union zu Gast ist, das Berliner Derby, das erste seit 2013, das erste überhaupt in der Bundesliga. Eine Weltstadt, zwei Vereine in der ersten Liga, die ungleicher nicht sein können. Hertha und Union heißt auch Ost gegen West, große Klappe gegen nix dahinter, blau gegen rot, ehrliches Köpenick gegen ehrlichen Wedding, Weltstadt gegen Vorstadt, David gegen Goliath, Fanverein gegen Nichtfanverein. Und immer wieder: Man mag sich nicht.

Dabei hat es bis 1989 funktioniert, als eine Mauer die Fanlager trennte. "Die blau-weiße Hertha und der FC Union - Liebe hinter Stacheldraht", sangen die Unioner in Ost-Berlin hinter vorgehaltener Hand und die Herthaner ganz öffentlich in West-Berlin. Manchmal sangen Unioner und Herthaner es auch gemeinsam im Stadion. Zum Beispiel bei Europacupbegegnungen und Freundschaftsspielen der Hertha in Prag, als Hunderte Unioner auf Schleichwegen in die Goldene Stadt reisten, um der Tante Hertha aus West-Berlin ihre Reverenz zu erweisen. 

Auf diesen Fahrten der Fanfreundschaft wurden zarte Bande geknüpft, die manchmal zur Liebe reiften. Etliche Ost-West-Partnerschaften setzten die Feile an die hässliche Berliner Mauer an, die Berlin trennte. Die Stasi war natürlich dank ihres Spitzelapparats immer mittenmang und versuchte die Unioner vom Buckel der Imperialisten und Imperialistinnen aus West-Berlin zu kratzen. Wer in Prag von Stasispitzeln erkannt wurde, bekam daheim Besuche der "Firma" (Volksmund für das Ministerium für Staatssicherheit) und hatte mit bösen Konsequenzen zu rechnen.

Ein Spiel als Symbol des Mauerfalls

Ein Kuriosum: Mitte der Achtzigerjahre überfielen Unioner und Herthaner gemeinsam das Selbstbedienungscafé unterm Fernsehturm, den Fantreff der BFC-Fans. Bis die Vopos ihre Gürtel geschnallt hatten, war der Spuk längst wieder vorbei.

Herthafans reisten regelmäßig zu Heimspielen an die Alte Försterei, sie mussten nur den Zwangsumtausch an der Grenze errichten. Umgekehrt war das nicht möglich, in der DDR herrschte für den Normalbürger ein striktes Reiseverbot gen West-Berlin. Die Angst seitens der SED-Diktatur war groß, dass die "negativ dekadenten Auswüchse des Klassenfeindes" nach Ost-Berlin schwappen könnten. Die Unionfunktionäre der DDR-Zeit beteiligten sich natürlich nicht an den Verbrüderungen, für sie hatte die Partei der Arbeiterklasse, deren Mitglied sie größtenteils waren, immer recht. Allerdings nur bis zur Wende 1989, dann drehte sich der Wind und das Mäntelchen vieler Funktionäre ebenfalls.

Dann die Wende und bereits im Januar 1990 erkannte die Hertha den riesigen neuen Markt im Osten und organisierte ein Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Union. Über 50.000 Neugierige, zumeist aus Ost-Berlin und dem Brandenburger Umland, strömten zu diesem Spiel, das für viele Menschen in Berlin ein starkes Symbol des Mauerfalls wurde. Sie kamen weniger wegen des Fußballs. Hertha und Union kickten zu der Zeit einen müden Stiefel vor wenigen Tausend Zuschauern in den 2. Ligen. Die Menschen kamen wegen der gemeinsamen Party mit Fahnenschwenk, Nationalhymne und dem ganzen partypatriotischen Drumherum.