Neulich sah ich ein aktuelles Bild von Roberto Baggio. Also: Drunter stand, bei der Person auf dem Bild soll es sich um Roberto Baggio handeln. Zu erkennen war er nämlich nicht. Ein grauhaariger, leicht aufgedunsener Mann mit dicken Augenringen, die kaum Augen übrig ließen. Das soll nicht despektierlich klingen. Ich kann nicht ausschließen, dass auch ich mal so aussehe, wenn ich 52 bin. Aber ich bin sterblich, Roberto Baggio nicht. Dachte ich.

"Il Divin Codino" nannten sie ihn in Italien, das Göttliche Zöpfchen. Und wer, wie ich, in den Neunzigerjahren fußballsozialisiert wurde, weiß, warum. Baggio hatte damals mehr Gefühl im Fuß als ganze Nationalmannschaften zusammen (looking at you, Berti Vogts). Er war mit dem Ball zärtlich und verwegen zugleich, geistreich und gefährlich. Sogar dass er im WM-Finale 1994 den entscheidenden Elfmeter verschoss, passte zu dem Italiener. Baggio war Buddhist, und Leiden ist nun mal zentraler Teil dieser Glaubensrichtung.

Nun also dieses Bild und die schlimme Erkenntnis, wie vergänglich alles ist. Es heißt oft, an größer werdenden Kindern merkt man, wie die Zeit vergeht. Da mag was dran sein. Vor allem aber merkt man es an älter werdenden Fußballstars.

Schlimm genug, dass man in ein Alter kommt, in dem so gut wie alle Fußballprofis jünger sind als man selbst (außer Claudio Pizarro, dem dafür ein großes Dankeschön gebührt), ein Moment, mit dem endgültig die Einsicht verbunden ist, dass es doch nichts mehr wird mit der eigenen Profikarriere. Nein, langsam verwelken auch die Helden der Kindheit und Jugend so dramatisch, als wollten sie einem zurufen: Auch deine guten Jahre sind vorbei! Nicht mehr lange! Bald bist du dran, Christian!

Aber bitte googlen Sie selbst. Roberto Carlos ist kaum wiederzuerkennen, Davor Šuker auch nicht. Andi Brehme hat zugelegt, Ronaldo passt kaum noch in ein Fußballtrikot (nicht Cristiano, sondern der aus Brasilien, auch das dazusagen zu müssen ist übrigens ein Zeichen, dass man alt geworden ist). Bebeto ist hingegen noch schmächtiger geworden, das Portemonnaie seiner Schönheitschirurgen dafür sicher dicker. Christo Stoitschkow wirkt wie ein erfolgreicher Gebrauchtwagenhändler, Gheorghe Haghi wie ein erfolgloser. Thomas Häßler aß Getier im Dschungelcamp, Jürgen Kohler trägt immerhin eine modische Brille.

Das kann doch gar nicht sein, denkt man dann. Gerade noch liefen die nun feisten und/oder kahlen Männer wie das pure Leben über den Platz, strotzten vor Kraft und Vitalität und nun das. Wahre Helden altern doch nicht. Wie Asterix und Obelix. Batman. Peppa Wutz.

Selbst diejenigen, die gut gealtert sind, können für Frustrationserlebnisse sorgen. Romário ist mittlerweile einer der beliebtesten Politiker Brasiliens. George Weah sogar Präsident Liberias. Und Paolo Maldini schaut noch immer verwunschen aus seinen tiefblauen Augen heraus, nur hat er seine Haare abgeschnitten. Torjäger, die Staatspräsidenten werden, und langhaarige Abwehrkünstler, die beim Friseur waren – wie viel Zeit bitte ist denn vergangen?

Und auch wenn sich niemand vorstellen kann, dass es auch die nächste Generation trifft, dass Lionel Messi ein Doppelkinn bekommt, Cristiano Ronaldo einen Onepack und Robert Lewandowski eine Glatze. Genauso wird es kommen. Denn das Alter macht auch vor Superstars nicht halt. Vor keinem. Vielleicht auch ein beruhigender Gedanke.