Vielleicht werden sie sogar noch besser – Seite 1

Das 4:2 gegen Freiburg am vorigen Sonntag war ein typisches Gladbacher Tor: Gleich drei von ihnen umzingelten den Gegenspieler Robin Koch, der vor der Abwehr den Ball führte und sich in dieses Borussendreieck leiten ließ. Dort war er verloren. Es war dann der Stürmer Breel Embolo, der dem Freiburger Nationalspieler den Ball mit einer Grätsche wegspitzelte. Dann passte Florian Neuhaus rasch und steil auf Embolo, der sich in der Zwischenzeit auf den Weg Richtung Tor gemacht hatte, und der lupfte über den Tormann. Spiel entschieden. Ein kurzer Konter, eingeleitet von einer Balleroberung durch einen Stürmer, also Gegenpressing – das lehrt und mag der Trainer Marco Rose.

Ein inspirierender Trainer, eine engagierte Mannschaft, die mit ihrer Spielidee auch deswegen so gut fährt, weil die meisten Bundesligateams zurzeit viele Fehler machen – das macht Gladbach zum Tabellenführer der Bundesliga, und das immerhin schon seit mehr als zwei Monaten. Ob die Gladbacher ein ernster Titelkandidat sind, dürfte sich am Samstag zeigen. Dann ist der FC Bayern zu Gast. Verliert er, wüchse sein Rückstand auf sieben Punkte.

Zwei markante Teile ragen aus der Mannschaft der Borussen heraus. Der Schweizer Denis Zakaria steht repräsentativ für die physische Stärke und die Dynamik der Mannschaft. Er gewinnt Zweikämpfe und Laufduelle, stabilisiert das Zentrum, auch seine Pässe kommen an. So etwa beim Tor zum 3:1 gegen Freiburg, dem schönsten an diesem Tag, als er den Ball in den Strafraum durchsteckte. Zakaria zählt zu den komplettesten Mittelfeldspielern der Liga, einen solch guten "6er" hat Borussia Dortmund zum Beispiel nicht.

Und eine Büffelherde, wie der Fußball-Podcast MML feststellte, trampelt nun nicht mehr in Frankfurt, wie man im Vorjahr den dortigen Sturm wegen seiner Wucht nannte, sondern in Mönchengladbach. Die drei Stürmer Marcus Thuram, Alassane Pléa und Breel Embolo sind allesamt breitschultrige Erscheinungen, die zudem schnell und technisch mindestens gut sind. Mit ihrem selbstbewussten Dribbling und stetigen Läufen in die Tiefe bringen sie ganze Defensiven ins Hecheln. Die Frankfurter Abwehr wurde beim 4:2-Sieg Gladbachs im Oktober mehrfach überrannt.

Vorbild Jürgen Klopp

Im Schatten der drei Kanten übersieht man gelegentlich den zierlichen Dribbler Patrick Herrmann, der seinen jahrelangen Abwärtstrend überwunden hat. Er kann nicht so gut schießen wie die anderen, doch auch er trifft dieses Jahr. Zu viert haben sie bisher zwanzig Tore geschossen, beinahe völlig gleichmäßig verteilt. Die Gladbacher Offensive verfügt sogar noch über die Reserven Lars Stindl und Raffael.

Ihr Wesensmerkmal ist das Tempo. Die Gladbacher greifen sehr schnell an. Sie machen sich auch zunutze, dass die Schieds- und Linienrichter in Zeiten des Videoassistenten knappe Abseitssituationen oft zunächst weiterlaufen lassen, damit sie auf keinen Fall Abseits ahnden, wo keins war. Die Offensive versteht sich zudem als erste Verteidigungsreihe. Sie provoziert Fehler und versucht, sie schnell auszunutzen. Im Idealfall sehr nah am Strafraum des Gegners, wie bei Embolos Tor.

So sieht der Fußball aus, der wie Rose aus dem Red-Bull-Imperium kommt. Manchmal ein wenig simpel und ungenau, aber es kann gut funktionieren. Der ehemalige Salzburger Trainer orientiert sich weniger an der radikalen Gegen-den-Ball-Schule, die Ralf Rangnick bis heute in Leipzig und Salzburg prägt. Rose nennt explizit Jürgen Klopp als sein Vorbild. Zu RB wollte Rose nicht wechseln, obwohl Leipzig seine Heimat ist.

Die Spieler schwärmen von der Führungskraft Rose

Es ist aber nicht nur die Taktik, die Rose neben Julian Nagelsmann zum interessantesten Trainer der Bundesliga macht. Die Spieler schwärmen von ihm als Führungskraft und schätzen sein Trainerteam. Zuletzt sagte Florian Neuhaus in der Sport Bild über Rose: "Er gibt uns ein super Gefühl, was er genau sehen will. Jeder hat Bock, die Ideen umzusetzen." Mit welcher Leidenschaft die Borussia vorgeht, sieht man auf dem Platz. Und alle machen mit.

Das Team hat aber auch Schwächen. Die Abwehr um den Nationalspieler Matthias Ginter ist nicht unbedingt top. Freiburg hätte in dem Spiel am Sonntag beinahe nach einem 1:3-Rückstand das 3:3 erzielt. Im Heimspiel davor hätten die abstiegsgefährdeten Bremer gut und gerne drei Tore schießen können. Im Europacupspiel gegen die Österreicher aus Wolfsberg unterlag Gladbach zu Hause gar 0:4.

Zudem fällt es der Elf schwer, gegen tief verteidigende Gegner durchzukommen. Beim Aufsteiger Union Berlin verlor die Borussia jüngst 0:2 und erspielte sich nicht viele Chancen. Lange Ballstafetten liegen ihr nicht. Es ist das ausgesprochene Ziel, das zu ändern.

Das Niveau zu halten, wird nicht genügen

Zudem hat Roses Team noch keine großen Siege vorzuweisen. Bei den kriselnden Dortmundern verlor es zweimal, in der Bundesliga und im DFB-Pokal. Zu Hause unterlag es Leipzig, gegen Schalke gab es ein 0:0. Immerhin in Leverkusen glückte den Gladbachern ein sehr knapper 2:1-Sieg. Daher würde ein Erfolg gegen die Bayern ihren Glauben an sich stärken. Ein Spitzenteam ist Mönchengladbach ja auch deswegen, weil Bayern und Dortmund Probleme haben. Ein internationales ist es gar nicht, in der Europa League tat sich die kleine Borussia lange sehr schwer.

Die überraschende und mutige Entscheidung des Sportdirektors Max Eberl, den gar nicht erfolglosen Dieter Hecking mit Beginn dieser Saison durch Rose zu ersetzen, könnte dennoch aufgehen. Mit Hecking im Vorjahr hatte Gladbach zur selben Zeit nur zwei Punkte weniger, doch bis zum Ende der Saison fiel die Mannschaft noch auf Platz fünf. Um einen Titel zu gewinnen, wird es nicht genügen, das Niveau zu halten. Gladbach müsste sich sogar noch ein bisschen steigern. Wenn nicht alles täuscht, ist das unter Marco Rose drin.