Russland ist angeblich für vier Jahre raus aus dem Weltsport. Das Land darf keine Großevents austragen, sich auch während dieser vier Jahre nicht als Gastgeber bewerben, die russische Antidopingagentur wird für diesen Zeitraum als non-compliant eingestuft. Russland darf als Nation nicht an den Olympischen Spielen in Tokio (2020), Peking (2022) und vielleicht auch nicht in Paris (2024) teilnehmen, ihre Athletinnen und Athleten müssen unter neutraler Flagge antreten, und können das nur, falls sie ihre Unschuld beweisen.

Das ist die Strafe der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada für das jahrelange russische Doping und die jüngsten dreisten Datenlöschungen in Moskau.

Der Weltsport hat genug vom notorischen russischen Betrug. Gedopt wird ja auch woanders, doch in den USA oder Deutschland werden selbst Ikonen wie Lance Armstrong und Jan Ullrich auch mal zu Fall gebracht. In Russland hilft der Staat beim Vertuschen. In seinem Ausmaß wird das System im historischen Vergleich allenfalls von der DDR übertroffen. Die Winterspiele von Sotschi 2014, bei denen Dopingproben nachts durch ein Loch in der Wand ausgetauscht wurden, waren sozusagen der gestreckte Mittelfinger Putins an den Rest der Welt.

Deswegen hat die Wada nun hart geurteilt, zumindest auf dem Papier. Doch Kritiker finden das Urteil zu milde, zumal bei der Verkündung in Lausanne einiges unklar blieb. Außerdem stehen die Maßnahmen unter juristischem Vorbehalt, der Internationale Sportgerichtshof Cas wird sich ausführlich damit befassen. Die Anwälte kommen also erst noch und fallen über das Urteil her.

Freilich, die Wada-Sanktionen sind kein Freispruch. Dass keine russische Fahne bei olympischen Siegerehrungen wehen darf, schmerzt die stolze Nation. Zudem wird die Zahl der Medaillengewinner, die aus Russland stammen, weiter sinken. Schon in Rio 2016 und 2018 in Pyeongchang haben weniger Russinnen und Russen teilgenommen. Speziell die Kerndisziplin Leichtathletik war betroffen. Und geht es nach der Wada, müsste Russland bei der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar, die Qualifikation vorausgesetzt, unter neutraler Flagge auflaufen.

Europameisterschaft 2020 ist nicht vom Wada-Spruch betroffen

Doch schon die Europameisterschaft 2020 ist nicht vom Wada-Spruch betroffen, obwohl sie sogar teilweise in Russland stattfindet. Solche Inkonsequenzen stehen auch im Biathlon bevor. Bei den Weltmeisterschaften der Skijäger muss Russland draußen bleiben, bei Weltcuprennen, die viel öfter ausgetragen werden, jedoch nicht. In vielen anderen Sportarten ist die Ungewissheit ähnlich.

Viele Athleten aus anderen Nationen, nicht nur aus dem Biathlon, haben sich mehr Strenge durch die Wada erhofft, sie wollen sich nicht mehr länger mit chemisch hochgezüchteter Konkurrenz messen. Die Interessenvertretung Athleten Deutschland e. V. spricht von "ungeheuerlichem Betrug und Vertuschungsversuchen". In einer aktuellen Erklärung heißt es: "Die Prüfung, ob russische Athletinnen und Athleten unter neutraler Flagge an Wettkämpfen teilnehmen dürfen, muss so transparent, nachvollziehbar und streng wie möglich erfolgen."

Auch die norwegische Wada-Vizepräsidentin Linda Helleland forderte einen blanket ban, einen pauschalen Ausschluss des russischen Sports. Sie ist auch deswegen so unnachgiebig, weil Russland ein Wiederholungstäter ist, der selbst die vielen Putin-Freunde im globalen Sport enttäuscht. Über russisches Staatsdoping diskutiert das Internationale Olympische Komitee (IOC) seit fünf Jahren. Stets hat es ein Auge zugedrückt, doch Russland hat einfach weitergemacht. Milde bewirkt im Kreml nichts.

Und wenn sich erst der Cas, der als IOC-nah und damit indirekt putinnah gilt, mit dem Fall befasst, ist zu fürchten, dass noch einige Lücken entdeckt werden. Dann könnte das ohnehin nicht allzu strenge Wada-Urteil weiter aufgeweicht werden.