Am Sonntag wurde Mesut Özil ausgewechselt. Er war darüber so wütend, dass er einen seiner Handschuhe wegtrat und es zur Beruhigung Per Mertesacker brauchte, der gerade Assistenztrainer beim FC Arsenal ist. 0:3 hatte Arsenal gegen Manchester City verloren, Özil war wirkungslos geblieben. Mal wieder. Er war einmal einer der prägendsten Spielmacher der Welt, derzeit aber prägt Mesut Özil auf andere Art.

Am Freitag hatte Özil auf Twitter eine Botschaft veröffentlicht, in der er den Umgang Chinas mit den Uiguren, einer muslimischen Minderheit, kritisierte. Sie war auf Türkisch verfasst, in Blau und Weiß gehalten, den Farben der uigurischen Unabhängigkeitsbewegung. Der gläubige Muslim schrieb, es würden Korane verbrannt, Moscheen geschlossen, islamische Schulen verboten und Menschen in Lager gesperrt. Er beklagte, dass Muslime in anderen Teilen der Welt dazu schweigen: "Sie haben sie im Stich gelassen", schrieb er, sowie von der "blutenden Wunde der Umma", der muslimischen Gemeinschaft. "Oh Gott, bitte hilf unseren Brüdern in Ostturkestan."

Zu viel Courage schadet dem Geschäft

Özil und die Politik, das ging auch schon mal schief. Sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan vor der WM 2018 war eher keine gute Idee. Sein Anprangern von Rassismus im Nachgang und der jüngste Tweet aber lassen erkennen, dass Özil nicht der Naivling ist, für den ihn mancher halten mag. Vor allem, weil er mit der Äußerung auch seinem Trauzeugen Erdoğan auf die Füße tritt, der sich eine bessere Beziehung zu China wünscht.

Inhaltlich könnte Özils Tweet auch von einer Menschenrechtsorganisation stammen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker etwa teilte mit, dass sie Özils Kritik an islamischen Staaten unterstütze. Auch politisch liegt Özil bei dem Thema auf westlicher Linie. Dutzende Staaten, darunter Deutschland und die Vereinigten Staaten, haben eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der sie China dazu auffordern, von der "willkürlichen Inhaftierung von Uiguren und Angehörigen anderer muslimischer Gemeinschaften" Abstand zu nehmen.

Mesut Özil hat auf Twitter 24,5 Millionen Follower, nur zwei Fußballer haben mehr, Ronaldo und Neymar. Während die aber vor allem Selbsterbauungsprosa verlautbaren lassen ("Keep strong and together until the end!"), nutzt Özil seine Reichweite, um sich einzumischen. So mancher Fußballnerd, der noch nie von den Uiguren gehört hat, dürfte nun zumindest Bescheid wissen. So mancher chinesische Follower dürfte eine neue Sichtweise auf das Thema gewinnen, die im von Staatsmedien dominierten China sonst kaum ins Land dringt.

Doch so einfach ist politische Kritik in Zeiten des Fußballkapitalismus nicht. Zu viel Courage schadet dem Geschäft. Der FC Arsenal eilte sich, festzustellen, dass Özils Äußerungen dessen "persönliche Meinung" seien. So schrieb er direkt auf dem chinesischen Social-Media-Dienst Weibo. Arsenal selbst sei natürlich unpolitisch. Bevor man dem Fußballclub nun erklären möchte, dass es so etwas gar nicht gibt, unpolitisch sein, erinnert man sich an Héctor Bellerín, einen Teamkollegen Özils, der am Tag der britischen Unterhauswahlen in der vergangenen Woche einen Tweet veröffentlichte, in dem er das Hashtag FuckBoris verwendete. Davon distanzierte sich das unpolitische Arsenal nicht.