Im Skandal um manipulierte Dopingdaten hat die Führung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Russland für vier Jahre weitgehend aus dem Weltsport verbannt. Das Wada-Exekutivkomitee in Lausanne bestätigte die Empfehlung der unabhängigen Prüfkommission CRC und suspendierte die russische Antidopingagentur Rusada bis 2023. Russische Athleten, die nicht in den Staatsdoping-Skandal verwickelt gewesen sind, dürfen nun bis dahin nicht unter der russischen Fahne, sondern nur als neutrale Sportler starten.

Hintergrund ist der Vorwurf der Manipulation von Dopingtests in einem russischen Kontrolllabor. Daten zu positiven Dopingtests sollen dort gefälscht oder gelöscht worden sein. Forensische Untersuchungen durch Wada-Experten hatten ergeben, dass die Dopingdaten aus dem Moskauer Labor von 2012 bis 2015 "weder vollständig noch vollständig authentisch" sind. Dies konnte im Vergleich mit einer der Wada 2017 von einem Whistleblower zugespielten Datenkopie nachgewiesen werden. Dabei hat Russland nach Wada-Angaben "Hunderte von mutmaßlichen nachteiligen Analyseergebnissen gelöscht oder geändert". So sollen 145 mutmaßliche Dopingfälle vertuscht oder verfälscht worden sein. 

Der russische Sportminister Pawel Kolobkow hatte dagegen eine Manipulation bestritten und die Diskrepanzen in den Labordaten auf technische Probleme zurückgeführt. 

Auch Fußball-WM betroffen

Das Internationale Olympische Komitee hatte bereits zuvor angekündigt, die "härtesten Sanktionen" gegen Russland zu unterstützen und das Wada-Urteil zu akzeptieren. "Der Wada-Beschluss ist für uns bindend", hatte IOC-Präsident Thomas Bach gesagt.

Die nun ausgesprochene Sperre gilt auch für die Olympischen Spiele in Tokio (2020) und in Peking (2022), die Fußball-WM 2022 in Katar, die Olympischen Jugendspiele und Weltmeisterschaften von Sportarten, die den Wada-Code unterschrieben haben, sowie sogenannte major sporting events. Die EM 2020 ist von der vierjährigen Sperre nicht betroffen, da es sich laut Wada um "ein regionales/kontinentales Sportereignis" handelt. Dies trifft demnach auch auf das Champions-League-Finale 2021 in St. Petersburg zu. Die Europäische Fußballunion Uefa hat den Wada-Code nicht unterschrieben. Damit kann die russische Nationalmannschaft ohne Einschränkungen an der EM teilnehmen. 

Russland will Urteil vor Cas anfechten

Ob die Sperre auch für die Olympischen Spiele 2024 in Paris gilt, ist unklar. Dies wäre womöglich der Fall, wenn Russland die Entscheidung vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas anfechten sollte. "Wenn die Sperre erst nach den Spielen 2020 in Tokio vom Cas final bestätigt werden würde, würde sie für die vierjährige Periode bis Paris 2024 gelten", sagte Jonathan Taylor, Leiter der unabhängigen Prüfkommission CRC. Auf die Frage, ob der Cas vor den Spielen in Tokio 2020 entscheiden werde, antwortete er: "Ich bin mir nicht sicher."

Die Regierung in Russland hat bereits angekündigt, gegen die Entscheidung Einspruch einlegen zu wollen. Russland werde für seine Sportler kämpfen und die Strafen beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne anfechten, sagte der Parlamentsabgeordnete Dmitri Swischtschow vom Sportausschuss der Staatsduma. Das Votum sei ein Mittel, um russische Athleten aus dem internationalen Sport zu verbannen, kritisierte der Vizechef des russischen Parlaments, Pjotr Tolstoi.

Moskaus Regierungschef Dmitri Medwedew kritisierte die Strafen der Wada als "antirussische Hysterie" von chronischem Ausmaß. Die Sperrung von Russland für die Olympischen Spiele in den kommenden vier Jahren sei Teil einer gegen das Land gerichteten Kampagne, sagte Medwedew der Agentur Interfax zufolge. Er räumte zwar ein, dass Russland erhebliche Probleme mit Doping habe. "Ich kann das nicht leugnen", sagte Medwedew. Trotzdem hielt er es nicht für gerechtfertigt, dafür die Athleten zu bestrafen.

Weniger drastisch reagierte die russische Antidopingagentur. Die Wada-Entscheidung sollte der russischen Sportpolitik Anlass zum Nachdenken geben, sagte die Vizechefin der Rusada, Margarita Pachnozkaja. Es sei Zeit für eine Änderung der Kultur in dem Land. Trotz Beteuerungen von Sportfunktionären habe sich in den vergangenen Jahren im Umgang mit Doping in Russland nichts grundlegend geändert.