Kein Trainer kann so schön über Tore jubeln wie Jürgen Klopp. In der Vergangenheit hat man ihn nach erfolgreichen Aktionen seiner Mannschaft Fäuste ballen, Zähne fletschen, zum Jubelsprung ansetzen, die Linie entlang sprinten oder seinen riesigen Körper in ein Menschenknäuel schmeißen sehen. Alles Gesten und ekstatische Ausraster, die im normalen Leben, sagen wir nach einem erfolgreichen Einkauf im Supermarkt, sehr merkwürdig aussehen würden, zu einem Stadion voller schreiender Zuschauer dagegen ziemlich gut passen. Jürgen Klopp gibt sich dem Moment des Glücks so hemmungslos hin wie nur wenige andere Berufskollegen, was sehr viel zu seiner sagenhaften Beliebtheit beiträgt.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Nach dem 2:0-Pflichtsieg gegen den Tabellenletzten aus Watford hat der Trainer des FC Liverpool angekündigt, in Zukunft nicht mehr über Tore jubeln zu wollen. Schließlich, so Klopp, "müssen (wir) ja offensichtlich immer warten, bis jemand das Tor als regulär anerkennt". Auslöser für diese Unmutsäußerung war ein Kopfballtreffer von Sadio Mané, der nach langer Wartezeit, diversen kalibrierten Linien und einer sich offensichtlich hauchzart im Abseits befindlichen senegalesischen Hüfte zurückgenommen wurde. Kein Tor und wieder mal ein Jubel umsonst.

Kalibrierter Jubel für ein kalibriertes Spiel

Deshalb hat Klopp jetzt die Faxen dicke und will sich in Zukunft selbst maßregeln, quasi sein eigener Videoassistent sein. Kalibrierter Jubel für ein kalibriertes Spiel. Das ist so hässlich, wie es klingt. Und Klopp hat mit seiner Aussage mal wieder den Nerv der Zeit getroffen.

Unabhängig von falsch oder richtig kalibrierten Linien, unabhängig von der unübersichtlichen Handhabung nach vermeintlich nicht korrekten Treffern oder unbemerkten Tritten in des Gegners Schienbeine hat der Videoschiedsrichter diesem Sport etwas angetan, was er nicht verdient hat. An die absurden Gehälter und Transfersummen, an die von der Basis Lichtjahre entfernten Kicker, an den ganzen Klimbim eines von vornherein durchchoreografierten Events hat man sich fast schon gewöhnt, Fußballfans können da letztlich ziemlich flexibel sein.

Denn am Ende, und das war bislang eine Gewissheit, die die angekratzte Leidenschaft zum großen Fußball am Leben hielt, sorgte dieser Sport regelmäßig für Endorphinschübe, die im normalen Alltag eher selten vorkommen: Fiel ein Tor für die eigene Mannschaft, dann war das die offizielle Erlaubnis für den Fan, einmal kurz durchzudrehen. Brüllend im Stadion, klatschend in der Kneipe, Fäuste ballend während der Zugfahrt. So ein Torjubel hat etwas Befreiendes, etwas Archaisches und etwas wunderschön Positives, ein Ausdruck der Freude, die nur ein geschossenes Tor erlaubt.

Befreiend und positiv aber auch nur deshalb, weil so ein Jubel immer spontan erfolgt, selbst bei einem Elfmeter oder dem frei aufs Tor zulaufenden Angreifer. Dass einem dieser Jubel im Hals steckenblieb, der Endorphinschub unsanft gegen einen Wellenbrecher klatschte, hat es auch schon vor dem Videobeweis gegeben. Nur benötigten hektisch miteinander diskutierende Unparteiische dafür in der Regel ein paar Sekunden. Das war nicht immer korrekt. Aber dafür kurz und schmerzlos. Die Gegenwart sieht so aus: Tor, Jubel, geballte Fäuste, gefletschte Zähne, geküsste Kurvennachbarn, verschüttetes Bier, erste Irritation, zwei Irritation, die harte Landung in einer Zwischenwelt des nervösen Abwartens auf die richtige, die endgültige Entscheidung.

Und so sitzt oder steht man da, als Trainer an der Seitenlinie, als Fan im Stadion, als Gast in der Sportsbar, und muss zunächst diesen nun etwas peinlich wirkenden Moment der Freude verarbeiten, dann minutenlang verharren und schließlich das irritierte Gehirn davon überzeugen, entweder neue Endorphine freizusetzen oder sich stattdessen mächtig aufzuregen. Spaß macht das alles nicht. Fragen Sie Jürgen Klopp.

Videoschiedsrichter haben den Fußball vermutlich gerechter gemacht. Aber in einem Spiel, das vor allem darauf ausgelegt ist, sich den Momenten des spontanen Glücks völlig hinzugeben statt auf kalibrierte Linien zu warten, sind sie ein fieser Liebestöter. Und ganz vielleicht sogar der Grund, warum wir ausflippende Spieler oder Trainer wie Jürgen Klopp in Zukunft nicht mehr sehen werden.