Dalila Jakupović führt, wie so viele Tennisspielerinnen und Tennisspieler jenseits der absoluten Weltklasse, ein Schattendasein in der Öffentlichkeit. Das ließe sich ändern: Die Slowenin (Weltranglistenplatz 180) wollte sich beim ersten der vier großen Grand-Slam-Turniere des Jahres, den Australian Open in Melbourne, durch die harte Qualifikation kämpfen. Erreicht sie die erste Hauptrunde, die am kommenden Montag starten soll, kassiert sie bereits fast 56.000 Euro. Für Jakupović' Karriere überlebenswichtiges Geld.

Doch statt über eines ihrer Asse oder ihre Rückhand zu schwärmen, erlangte die 28-jährige Jakupović traurige Berühmtheit: Schwer gezeichnet von Atemproblemen und Hustenattacken brach Jakupović beim Spielstand von 6:4, 5:6 gegen die Schweizerin Stefanie Vögele auf dem Court zusammen. Sie konnte den Platz nur dank Hilfestellungen aufrecht verlassen.

Jakupović' Zusammenbruch ist dem undurchsichtigen und leichtsinnigen Krisenmanagement des Veranstalters Tennis Australia geschuldet. Auch in Melbourne sind die Auswirkungen der verheerenden Buschfeuer deutlich zu spüren. Auch über Melbourne hängt eine riesige Rauchglocke. Auch in Melbourne rufen die Behörden ihre Bewohner dazu auf, wegen der miserablen Luftqualität drinnen zu bleiben. Und hier soll nun Profitennis gespielt werden?

Seit mehreren Monaten toben die Brände, die eigentlich nicht unüblich, aber doch so heftig wie noch nie sind. Natürlich sind auch sie Folgen des Klimawandels, an dem Sportler, Betreuer und Berichterstatter systembedingt mitwirken. Es wird in den kommenden Jahren eines der größten Themen für den Leistungssport, damit verantwortungsvoll umzugehen. Die Australian Open sind dafür nur ein weiterer Beleg.

Die Luftwerte sind katastrophal

Mittlerweile haben die Feuer sich zu einer nationalen Katastrophe mit bislang 27 Todesopfern ausgeweitet. Mit einer dauerhaften Entspannung rechnen die Behörden erst im Frühjahr. Alleine in den Bundesstaaten New South Wales und Victoria (zu dem auch Melbourne zählt) brennen rund 150 Feuer. Von Melbourne sind die Feuer zwar mehrere Hundert Kilometer entfernt. Weil aber der Wind am vergangenen Wochenende entscheidend drehte, setzte sich eine Rauchschwade über der Ostküstenstadt fest. Der Rauch war in der Nacht zum und am Dienstag nicht nur deutlich sicht- und spürbar. Er ist zudem nachweisbar und ungesund.

Die Luftverschmutzung wird mit einem Echtzeit-Luftqualitätsindex (LQI) gemessen. Ein Wert bis 70 gilt als normal und gesund. In Melbourne taxierte der Wert in der Nacht zwischenzeitlich über 400; während der Qualifikationswettkämpfe am Montag hielt sich dieser über 200. In der Spitze lag die Feinstaubbelastung bei 393 Mikrogramm. Der Sport-Informations-Dienst (SID) verglich diese Zahl mit einem der am stärksten belasteten Verkehrspunkte Deutschlands, der Stuttgarter Messstelle am Neckartor. Höchste Belastung dort: 37 Mikrogramm. Weniger als ein Zehntel der Belastungen in Australien. Selbst an Neujahr lag der Wert in Stuttgart bei nicht einmal der Hälfte. 

Was macht der Veranstalter?

Experten stufen das als gefährlich und ungesund ein. Folgerichtig wies die Stadt Melbourne die Bürgerinnen und Bürger an, Fenster und Türen geschlossen zu halten, Tiere im Inneren zu lassen und auf Outdoor-Aktivitäten zu verzichten. Das alles kam für die Verantwortlichen der Australian Open, dem größten Sportereignis des Landes, nicht plötzlich. Die Luftqualität war in den vergangenen Tagen bereits alles andere als gut.  

Wegen einiger Anfragen publizierte Turnierdirektor Craig Tiley, der die Open in den vergangenen Jahren zu einer Gelddruckmaschine entwickelt hat (Umsatz 2019: rund 232 Millionen Euro), ein weitsichtiges und vorsichtiges Statement. Dass man sich dem Thema angenommen habe. Dass man mit Experten zusammenarbeite und im Sinne aller in Aufklärung investiere. Und dass im Extremfall neben den drei überdachten Stadien auch noch acht spielfähige Hallenplätze in der Nähe zur Verfügung stünden. Zusätzlich spendet der Verband für jedes Ass Geld für die Opfer der Brände. Viele Spielerinnen und Spieler schlossen sich medienwirksam an.

Als es aber am Dienstag ernst wurde, gaben Tiley und sein Team keine gute Figur ab. Zwar verschoben sie das Training zunächst nach hinten. Die Qualifikation startete – zur Verwunderung vieler – mit einer Stunde Verspätung dennoch. Trotz der Warnung der Stadt, trotz der Werte, trotz der spürbar schlechteren Luft.