Gleich vier Wünsche auf einmal haben sich die Männer auf die Rückseiten ihrer roten Jacken gedruckt: "Wir wollen Bier, Berge, Biathlon und Party!" Die Reisegruppe, eine von vielen aus ganz Deutschland und der Welt, weiß auch, wo all diese Wünsche erfüllt werden.

Willkommen in Ruhpolding, willkommen beim jährlichen Biathlon-Weltcup, der an diesem Sonntag in Oberbayern endet. Umrahmt von Bergen, so friedlich und still, mit Puderzuckerschnee bestreut, von der Sonne bestrahlt, wird hier fünf Tage lang geschossen und auf Skiern geskatet. Doch es wird auch mächtig gefeiert. Gleich am Eingang tönen Blasmusik und Gaudi. In der Chiemgau-Arena spürt jeder Besucher sofort, was die Fans am Biathlon lieben, warum dieser kuriose, einst militärische Wettkampf ein deutscher Volkssport geworden ist.

Stunden vor dem Startschuss zum Damen-Staffelrennen am Freitagnachmittag stehen die Besucherinnen und Besucher an den Bier- und Wurstbuden Schlange. Über eine große Leinwand unterhält ein Moderator die Gäste mit Ratespielen und Interviews. Ein DJ, der sein Handwerk unüberhörbar in der Skihütte oder auf Mallorca gelernt hat, soll sie in Stimmung bringen. Die Fans von Udo Jürgens und Wolle Petry schunkeln sich warm, bei Helene Fischer scheint es, als beginne der Schnee zu schmelzen. Fröhliche Ordner animieren die Leute zum Mitsingen, viel gehört nicht dazu. Der Tag fühlt sich an, als sei das ganze Leben Après-Ski.

"Fernsehgarten" mit Schießeinlage

Auch während des Rennens herrscht keine Ruhe. Die Athletinnen laufen zum Defiliermarsch ins Stadion ein, der heimlichen Hymne des weiß-blauen Freistaats. Begrüßt werden sie mit einem Lied, in dem es heißt: "Überall nur schöne Frauen". Das muss der bayerische Charme sein. Es ist noch nicht lange her, da wurden die Biathletinnen "Flintenweiber" genannt. Als sich die Sportlerinnen auf die Strecke begeben und für die Zuschauenden am Start außer Sichtweite geraten, wird aufgedreht: Status Quo, Queen und jede Menge Alpenrock. "Hurra, die Gams! Hurra, die Madln!"

Nur beim Schießen, dem emotionalen Höhepunkt des Wettbewerbs, schweigt die Stadionregie. Dann übernimmt die Menge auf dem Stehplatz dahinter. Das ist ein mythischer Ort, hier findet Deutschland zu sich, hier findet Deutschland seine Mitte, hier geht’s ein bisschen zu wie im ZDF-Fernsehgarten.

Eine Zuschauerin mit auffällig roten Haaren schwenkt eine Deutschlandfahne in der einen Hand, mit der anderen bewegt sie eine Holzratsche, und auf den Lippen hat sie ein "Hodi odi ohh di ho di eh. Hulapalu, i und du und nur der Mond schaut zu". Und: "Atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei." Manchmal singt sie laut im Chor mit den anderen, ein anderes Mal leise, genießend. Der Biathlon-Fan muss nicht betrunken sein, um diese Ohrwürmer gut zu finden, aber es hilft. Das wichtigste Ritual der Biathlon-Fans kennt jedes Kind aus dem Fernsehen: Trifft die deutsche Schützin und klappt die Scheibe in fünfzig Meter Entfernung um, erschallt ein hohes, freudiges "Hey!". Bleibt die Scheibe unten, atmen alle gemeinsam laut aus. Das ergibt ein tiefes, enttäuschtes "Hoooh!".

Biathlon verlangt den Athletinnen und Athleten sehr viel ab, und diesen Sound muss man sich als besondere Herausforderung vorstellen. Zum Vergleich: Sportschützen vollziehen ihre Wettkämpfe in meditativer Stille, Tennisspieler sollen beim Aufschlag nicht einmal durch Räuspern, geschweige denn Rufe gestört werden. Doch Biathletinnen und Biathleten müssen, wenn sie ihr Gewehr nach einem anstrengenden Sprint durch die Loipe abschnallen und anlegen, nicht nur den Puls rasch runterfahren, sondern auch noch unter dem Gejohle der Masse zielen und abdrücken.

Man wundert sich, dass nicht manch eine auf die Idee kommt, sich mit der Knarre umzudrehen und einfach … na, wir wollen niemanden auf Ideen bringen. Magdalena Neuner behalf sich zu ihrer aktiven Zeit gegen den Lärm mit Oropax.