Ein paar Stunden, bevor 66.099 Zuschauerinnen und Zuschauer fluchen und toben, sich ärgern und sich freuen werden, sitzen Alex Schlüter und Per Mertesacker auf der leeren Osttribüne des Dortmunder Stadions.

"Im Grunde sind das hier die großen berühmten Bauwerke unserer Zeit. Das Mittelalter hatte seine Burgen, die Renaissance hatte ihre Schlösser und wir haben halt hier so was", sagt Schlüter. "Ich find's ganz geil."

"Ich muss zustimmen, ich find's top", sagt Mertesacker.

"Und wenn du dann noch diesen Rasengeruch hast und von irgendwo auch Bratwurst", sagt Schlüter. "Das ist fast schon romantisch."

Alex Schlüter, der Moderator, und Per Mertesacker, der Experte, werden von mehreren Kameras gefilmt. Sie nehmen das Intro für die Liveübertragung der Champions League auf, gleich spielt Borussia Dortmund gegen Inter Mailand. Der Dialog wird später mit zirpenden Grillen und zärtlicher Musik hinterlegt. Doch es ist nicht nur Show.

Schlüter und Mertesacker wirken tatsächlich wie Fußballromantiker. Wie welche, die sich einen bestimmten Blick auf den Sport bewahrt haben. Den der Faszinierten, die noch immer staunen über Stadien, Stimmung und Stars. Das ist vor allem für ehemalige Profis und TV-Schaffende ungewöhnlich, die schnell abstumpfen, weil sie zu nahe dran sind an den Oberflächlichkeiten einer Branche, in der man vor lauter Geld den Rasen kaum noch riechen kann. Aber Schlüter und Mertesacker arbeiten für keinen gewöhnlichen Fernsehsender.

Das Netflix des Sports

Streng genommen ist DAZN gar kein Fernsehsender, mit dem alten Röhrengerät ist es gar nicht zu empfangen. DAZN ist ein Streamingdienst, kommt also aus dem Netz. Wie Netflix oder Spotify. Und wenig überraschend hat ein Konzept, das für Filme, Serien und Musik funktioniert, auch im Sport großen Erfolg. Für etwas mehr als zehn Euro im Monat kann der Zuschauer so viel davon sehen, wie er will, wo er will, wann er will und: so oft er will.

Deshalb wird DAZN als "Netflix des Sports" bezeichnet. Eine Zuschreibung, gegen die es sich nicht wehrt, es gibt Schlimmeres, als mit der Marke verglichen zu werden, die die Sehgewohnheiten einer Generation verändert hat. Auch DAZN ist dabei, den Sportfernsehmarkt zu revolutionieren. Mehr als eine halbe Milliarde gestreamte Stunden verzeichnet der Dienst nach eigenen Angaben für das Jahr 2019, fast doppelt so viele wie 2018. DAZN besitzt schon jetzt einen Teil der Champions-League-Rechte, für die kommende Rechteperiode haben sie sogar den Pay-TV-Konkurrenten Sky ausgestochen. Auch einige Bundesliga-Spiele gibt es schon auf DAZN, etwa das zum Rückrundenauftakt am Freitag, Schalke gegen Gladbach. Niemand wäre überrascht, würde DAZN in der nächsten Rechterunde ein noch größeres Paket kaufen.

Vor dem Spiel in Dortmund sitzt der ehemalige, 104-fache Nationalspieler Per Mertesacker im Wagen des Teams, sein Kollege Schlüter wird gepudert. Alles ist höchst professionell. DAZN produziert die Bilder zu diesem Spiel selbst. Für jede Szene, die in aller Welt zu sehen sein wird, ist der junge Sender verantwortlich. 17 Kameras sind dabei, sechs Videooperatoren, ein Regisseur, drei Bildtechniker, zwei Toningenieure, insgesamt 90 Menschen.

Sie alle haben nur eines im Sinn: "Man ist hier mehr fokussiert auf das Spiel", sagt Mertesacker. "Alles ist hier etwas echter, purer, man möchte den Sport in den Mittelpunkt stellen. Man kann nämlich vorher und nachher viel reden, aber das Entscheidende ist auf dem Platz."

Während Sky rund um seine Spiele ellenlange Vorläufe mit mehr oder weniger belanglosen Einspielfilmchen, Experteneinschätzungen und Interviews sendet, geht DAZN erst 15 Minuten vor Anpfiff auf Sendung. Kein Schnickschnack, kein Nonsens, wer sich länger einstimmen will, kann sich auf der Homepage sein Vorprogramm zusammenstellen. Die meisten Zuschauer aber wollen nur das Spiel sehen.