Eric Sindermann spielte professionell Handball bis er 25 Jahre alt war, heute ist er noch als Amateur aktiv. Außerdem arbeitet er als Schauspieler und Modedesigner. Er ist der Enkel von Horst Sindermann, dem letzten Präsidenten der Volkskammer der DDR.

ZEIT ONLINE: Herr Sindermann, Sie sind der Enkel von Horst Sindermann. Der war der letzte Präsident der DDR-Volkskammer und erfand die Bezeichnung "antifaschistischer Schutzwall". Welchen Einfluss hatte das auf Ihre Kindheit im wiedervereinigten Berlin?

Eric Sindermann: Kaum hatte ich meine ersten Handballtore geworfen, hieß es: Ah, der Sindermann, da hat bestimmt der Opa was dran gedreht. Als wir in der Schule über die DDR sprachen, sagte meine Lehrerin zu mir: "Ihr Sindermanns hattet es ja immer leicht. Ihr saßt in Wandlitz und habt gemütlich Wein getrunken." Da war ich noch ein kleiner Junge und wusste von gar nichts Bescheid. Ich stand schon sehr früh unter Druck.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie Ihre Kindheit und Jugend beschreiben?

Sindermann: Schwierig und schmerzhaft. Im Handball war ich ein Ass, in der siebten Klasse wechselte ich auf die Werner-Seelenbinder-Sportschule. Aber dieses eine Jahr hat mich innerlich zerrissen. Die anderen Kinder haben mich systematisch gemobbt. Einmal setzte ich mich an Weihnachten mit nassen Haaren stundenlang in die Kälte, nur um krank zu werden, damit ich nicht in die Schule gehen musste. In der achten Klasse bekam ich bei einem Test eine Fünf und als sich deshalb einer meiner Mitschüler darüber lustig machte, stand ich auf, ging zu ihm und schlug ihm drei, viermal die Faust ins Gesicht. Danach hat mich nie wieder einer dumm angemacht. Zeitgleich wurde ich Mitglied in einer Berliner Straßengang. Je mehr Leute ich verprügelte, desto höher rutschte ich in der Rangfolge. Ein Teufelskreis. Wäre ich mit 15 nicht zur SG Flensburg-Handewitt gewechselt, wäre ich definitiv im Knast gelandet. 

ZEIT ONLINE: Die Spätfolgen des Mobbings?

Sindermann: Handball hat dafür als Ventil nicht ausgereicht. Ich fühlte mich vergewaltigt und unglaublich einsam, weil ich mich nicht getraut habe, anderen davon zu erzählen. Ich bin meine Probleme komplett falsch angegangen: erst mit Gewalt und dann mit dem Versuch, einfach davon zu rennen. Als ich in Flensburg ankam, hatte ich Berlin zwar hinter mir gelassen, aber die Probleme waren immer noch da.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie in der neuen Umgebung zurechtgekommen?

Sindermann: In Flensburg musste ich zum ersten Mal in meiner jungen Handballkarriere richtig Gas geben. Mit meinem neuen Trainer kam ich überhaupt nicht klar. Nach einem Streit spuckte ich ihn an und damit war ich natürlich raus. Rein sportlich war ich talentiert genug für den Profibereich, mental ganz sicher nicht. Das einzige Team, dass mich noch haben wollte, war die HSG Tarp-Wanderup. Da wurde ich Torschützenkönig in der höchsten Jugendspielklasse und bekam meine ersten Einsätze bei den Herren.

ZEIT ONLINE: Anschließend waren Sie beim Bundesligisten ASV Hamm. Doch das endete in einem Eklat. Wie kam es dazu?

Sindermann: Ich war 19 und dachte: Geil, jetzt Bundesliga, dann Nationalmannschaft und in ein paar Jahren wirfst du deine Truppe zum Champions-League-Titel. Stattdessen wurde ich nach ein paar Einsätzen mit einem Zweitspielrecht zu einer anderen Mannschaft abgeschoben und von den Kollegen als blöder Ossi verarscht, weil ich nicht studierte. Als junger Kerl muss man in der Lage sein, Dreck zu fressen. Aber meine angeschlagene Seele war dafür nicht bereit. Ich ging feiern, trank zu viel, bekam Stress mit einem Lkw-Fahrer und pöbelte auf einer Sportlergala vor Journalisten betrunken gegen Trainer und Mitspieler. Ich konnte froh sein, noch einen Vertrag beim SV Anhalt Bernburg in der zweiten Liga zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Wirklich gut lief es dort allerdings auch nicht.

Sindermann: Ich spielte eine fantastische Vorbereitung, warf im Schnitt acht Tore und hatte ein gutes Verhältnis zu Trainer Heinz Prokop, dem Vater des aktuellen Bundestrainers Christian. Doch im ersten Saisonspiel saß ich nur auf der Bank. Das habe ich nicht begreifen können. Prokop wollte mich beruhigen: "Junge, du bekommst deine Chance, hab Geduld." Aber die hatte ich nicht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ihm von Ihrer Vergangenheit erzählt?

Sindermann: Nein. Ich habe nie irgendwem davon erzählt, ich wollte keine Schwäche zeigen. Heute bereue ich das. Im fünften Saisonspiel trafen wir im Pokal auf mein altes Team aus Hamm. Ausgerechnet da sollte ich von Beginn an ran. Aber ich hatte Angst vor dem, was mich erwarten würde. Auf der Hinfahrt fing ich im Bus künstlich Stress an, stieg auf einer Raststätte einfach aus und fuhr mit dem Taxi nach Hause. Wieder hatte ich verbrannte Erde hinterlassen. Danach rutschte ich in eine Depression und das wurde auch nicht besser, als ich für die HSG Wolfen in der dritten Liga 250 Tore in einer Saison warf und mit 19 Treffern in einem Spiel sogar einen Rekord aufstellte. Nach einem Jahr haute ich ab und landete in Blankenburg, vierte Liga. Die zahlten gutes Geld. Aber für einen Jungen, der sich schon die Nationalhymne hatte singen hören, war das eine Demütigung.

ZEIT ONLINE: Warum wechselten Sie 2011 ausgerechnet nach Katar?

Sindermann: Um Geld zu verdienen. Ich schrieb sämtliche Klubs in Dubai und Katar an, bekam ein Probetraining bei Al-Arabi, packte meine Tasche und war weg. Keine gute Entscheidung. Meine Mitspieler machten eine Szene, weil ich meine Freundin mit zum Training brachte, die Funktionäre wollten uns die Polizei auf den Hals hetzen, weil wir – noch unverheiratet – gemeinsam in einer Wohnung lebten. Nach guten Spielen drückte man mir das Geld bar in die Hand, nach schlechten drohte man mit Rauswurf. Zwischenzeitlich wurde ich zu einem libanesischen Klub transferiert, nach drei Spielen zerriss der Manager vor meinen Augen den Vertrag und sagte: "Du kannst dich jetzt verpissen." Ich wollte auf ihn los, wurde allerdings von zwei Soldaten zurückgehalten und bekam selbst ein paar verpasst. Ich hatte noch Glück, dass die mich nicht ins Gefängnis warfen.