Der Zug fährt schon mit 38 Stundenkilometern, als Hannes aus der Tür stürzt. Mit dem Kopf schlägt er auf Beton auf und bleibt wenige Meter hinter dem Bahnhof Haldensleben im Gleisbett liegen. Er hat ein schweres offenes Schädelhirntrauma und Hirnblutungen. Es ist Mitternacht am ersten Samstag im Oktober 2016. Der Zug, in dem Hannes neben Lukas, Lars und einem weiteren Freund stand, rauscht davon.

Die Freunde im Zug wollen sofort ihre Handys rausholen; ihn anrufen und fragen, ob etwas passiert ist. Doch so weit kommen sie nicht. Jemand packt sie am Arm: "Hier wird niemand angerufen", sagt er. Also keine Anrufe.

Die Anweisung kommt, so erinnert sich Hannes' Freund Lars, von einem der 80 Anhänger des Halleschen FC, die bis zu Hannes' Sturz auf sie losgegangen sind. In Hannes und seinen drei Begleitern vermuten sie Anhänger des 1. FC Magdeburg. Das sind sie auch, alle vier. Aber an diesem Abend erkennt man sie nicht als solche. Sie tragen keine Trikots, keine Schals und keine Pullover mit Magdeburger Logo. Zwar nehmen sich Fußballultras in der Regel untereinander wahr, der Kleidungsstil, das Auftreten, der Habitus ähneln sich. Offenbar war es aber so: Nur weil die Halle-Fans glaubten, vier junge Männer in der Nähe von Magdeburg seien ihre Erzfeinde, schlugen sie auf Hannes und seine Freunde ein.         

Halle und Magdeburg, das ist eine der vielen Rivalitäten im deutschen Fußball. Zwischen den beiden Städten liegen knapp 90 Kilometer. Im Fußball gibt es eine Faustregel: Je geringer die Distanz zwischen zwei Clubs, desto größer die Abneigung. Die Halle-Fans werden später sagen, sie hätten durch "Feindesland" gemusst. Folklore, könnte man meinen, doch diese Geschichte zeigt, wie schnell so etwas eskalieren kann. Sie gibt Einblicke in eine männlich dominierte Szene, die ein Menschenleben leichtfertig aufs Spiel gesetzt hat. 

Hannes Schindler erliegt seinen schweren Verletzungen nach dem Sturz am 12. Oktober 2016. Er wurde 25 Jahre alt. Er ist gestorben, weil er in den falschen Zug gestiegen ist.      

Noch immer beschäftigt der Fall die beiden Vereine, beide Städte und sogar den Landtag von Sachsen-Anhalt. Der Abend, an dem sich vier Magdeburger und 80 Hallenser zufällig in einem Regionalzug begegneten, hat die ohnehin feindselige Stimmung zwischen den beiden Vereinen verschlimmert. Bis heute halten nicht wenige Magdeburg-Anhänger die aus Halle für "feige Mörder".

Der 1. FC Magdeburg und der Hallesche FC trafen sechs Wochen nach Hannes' Tod im November 2016 aufeinander. Die Magdeburger Spieler trugen zum Aufwärmen T-Shirts mit Hannes' Porträt – und gewannen 1:0. © Ronny Hartmann für ZEIT ONLINE

Hannes ist in der Nachkriegsgeschichte mindestens der vierte deutsche Fan, der bei einer Auseinandersetzung zwischen zwei Fußballfangruppen ums Leben kam. Der damals 16-jährige Bremer Adrian Maleika geriet 1982 in einen Kampf mit rechten HSV-Fans, ein Stein traf ihn am Kopf, er starb an den Kopfverletzungen. 1988 wurde Frank Bayer, ein Fan aus Saarbrücken, bei einer Auseinandersetzung mit Schalker Hooligans von einer Holzlatte am Kopf getroffen, auch er starb. Und 1990 erschoss die Polizei in Leipzig den Berliner Mike Polley, zuvor hatte es Ausschreitungen zwischen Leipziger und Berliner Fans gegeben. Diese drei Todesfälle sind aufgeklärt.

Hannes' Tod nicht. Bis heute ist nicht klar, warum er aus dem Zug fiel. Sprang er? Stürzte er? Oder wurde er gestoßen? Das ist der entscheidende Punkt in dieser Nacht. Und darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.

Die Version der Staatsanwaltschaft ist, dass Hannes selbst gesprungen ist und dabei die Geschwindigkeit des Zuges unterschätzt hat. Sie vertritt diesen Standpunkt, nachdem es ihr nicht gelungen war, einen Täter zu ermitteln, den man hätte anklagen können. Die Ermittlungen wurden im Mai 2017 eingestellt.

Hannes' Freunde und seine Familie haben an dieser Version erhebliche Zweifel. Sie sind sich wegen einiger Details und vieler offener Fragen in Bezug auf diese Nacht sicher, dass Hannes nicht freiwillig sprang, sondern gestoßen oder geschubst wurde.

Und die Halle-Fans, die im Zug saßen, schweigen bis heute. Oder es will keiner von ihnen etwas gesehen haben.

Die Eltern haben gegen die Einstellung des Verfahrens in Magdeburg Beschwerde eingelegt. In einer Petition forderten sie eine "unabhängige Staatsanwaltschaft". Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg lehnte eine Wiederaufnahme im Januar 2019 aber ab. Seitdem ruht das Verfahren.

Silke Schindler, die Mutter, sagt: "Er war Kickboxer und 1,90 Meter groß. Er konnte sich verteidigen. Er springt nicht einfach so." Hannes' Freunde Lukas und Lars, die bis zum Schluss an der Tür neben ihm standen und ihn vor den Angriffen verteidigten, sagen: "Nie im Leben wäre er freiwillig gesprungen."

Lukas und Lars heißen anders. Um sie zu schützen, wurden ihre Namen geändert. Bisher haben sie sich zum Tod ihres Freundes Journalisten gegenüber nicht geäußert. Doch jetzt wollen sie ein erstes und ein letztes Mal reden, um das Verfahren vielleicht wieder in Gang zu bringen. Und um das beklemmende Gefühl loszuwerden, nicht zu wissen, warum ihr Freund starb. Dank der mehrstündigen Gespräche der Freunde und Eltern mit ZEIT ONLINE ist es nun zum ersten Mal möglich, die Nacht, in der Hannes aus dem Zug fiel, aus deren Sicht zu rekonstruieren.