Wie ging es aus?

Vorrunde, Gruppe C: Lettland – Deutschland 27:28 (11:16)

Wie lief das Spiel?

Hätte man die ausgeatmete Luft des deutschen Teams nach dem Schlusspfiff aufgefangen und einem Windrad zur Verfügung gestellt: Man hätte eine Kleinstadt eine Woche mit Strom versorgen können. Sie pusteten viel und lange durch und guckten verdattert in die Halle. War das wirklich gerade passiert? Gegen Lettland, einem Team aus der dritten Reihe des Welthandballs, hätten sie beinahe einen sicheren Sieg verschenkt. Als hätten die Fußballer gegen Südkor ..., ach, lassen wir das.

Deutschland durfte nach der Niederlage gegen Spanien nicht verlieren, um in die Hauptrunde einzuziehen, was aber bei diesem Gegner beinahe ausgeschlossen schien. Lettland, der EM-Neuling, war in beiden bisherigen Spielen ohne Chance. Nach einem nervösen Beginn, bei dem während einer Zweiminuten-Überzahl für Deutschland zwei lettische Tore fielen (6:5, 13.Minute), warfen Halblinks Julius Kühn und Rechtsaußen Timo Kastening eine komfortable 5-Tore-Führung zur Pause raus (11:16). Beide blieben in der ersten Halbzeit ohne Fehlwurf. Auch die zweite Hälfte begann sicher, der komfortable Vorsprung blieb bis zur 45. Minute. Die Letten nutzten einen Dreitorelauf und eine doppelte Zeitstrafe gegen das deutsche Team, um bis auf 25:27 heranzukommen (55. Minute). Niemand weckte das Team auf. Nur noch zwei Tore Vorsprung, dann nur noch eins und noch 50 Sekunden zu spielen. Das reichte am Ende, aber das erhoffte Freispielen nach dem Debakel gegen Spanien war es nicht.

Warum war es so knapp?

Dafür muss man die letzten 15 Minuten in den Blick nehmen. Vorher schien alles zu funktionieren, was der Bundestrainer sehen wollte: Im Angriff gingen die Rückraumspieler Kühn, Schmidt und Drux mit Tempo auf die Abwehr zu, in der Verteidigung war das deutsche Team auf den 2,15-Meter-Riesen Dainis Krištopāns vorbereitet. Sie griffen ihn früh an und verhinderten damit Tore. All das wurde ab der 45. Minute vernachlässigt.

Und Krištopāns wurde stärker. Entweder er kam selbst zu einfachen Toren und jagte Bälle in den Winkel oder er zog so viele Verteidiger auf sich, dass er nur noch den Ball über die deutschen Spieler heben musste, um einen freien Mitspieler – häufig am Kreis – zu finden. Hendrik Pekeler, der vorgezogen gegen Krištopāns verteidigen sollte, sagte anschließend: "Wir haben keine Lösung mehr gegen ihn gefunden, weder in der 6-0-Formation noch in der 3-2-1 hat es funktioniert." Krištopāns, der von einem Topclub (Skopje) zum anderen wechseln wird (Paris) spielte als Einziger alle 60 Minuten durch und traf siebenmal.

Was außerdem fehlte: Unterstützung von den Torhütern. Jogi Bitter durfte von Beginn an spielen, seine Leistung war allerdings nur das Minimum von dem, was er eigentlich kann (5 von 26 Bällen gehalten). Er sagte: "Jetzt brauchen wir uns nicht die Köpfe heißreden, wir können viel besser spielen." Andi Wolff, der die letzten 20 Minuten spielte, hielt überhaupt keinen Ball. Zum Vergleich: Der eine Torhüter der Letten spielt in Aurich in der dritten deutschen Liga, der andere ist hauptberuflich Marketingleiter eines lettischen Start-ups. Sie hatten eine bessere Quote.

Oder um es an andere Stelle noch deutlicher zu machen: Evars Klešniks, der das halbe Spiel in der Abwehr auf dem Feld stand, ist 39 Jahre alt und spielt in der deutschen Oberliga, sein Kollege Aivis Jurdžs ist 36 Jahre alt und hat seine Profikarriere eigentlich schon beendet. Beinahe hätten sie Deutschland blamiert.