Wie ging es aus?

Vorrunde, Gruppe C: Deutschland – Spanien 26:33 (11:14)

Warum war es so deutlich?

Weil die Spanier, wie schon bei der EM 2018, überall besser waren: im Angriff, in der Abwehr, bei den Torhütern, bei den Angriffsvarianten, in der Deckung, im Rückraum, am Kreis, bei Umstellungen, bei Kontern und Siebenmetern, vor den Auszeiten, in den Auszeiten, nach den Auszeiten und, natürlich, beim Feiern. Wahrscheinlich hatten sie auch schon das bessere Frühstück und den besseren Schlaf gehabt – in jedem Fall waren sie ganz klar und eindeutig der verdiente Sieger.

Wie lief das Spiel?

Zu Beginn sehr nervös: Das erste Tor des Spiels fiel erst nach knapp fünf Minuten. Bis zum zweiten  Tor für Deutschland vergingen weitere fünf Minuten. Die offensive spanische Deckung, ein tannenbaumartiges 3-2-1, drängte den deutschen Angriff bis an die Mittellinie zurück. Viele Fehlpässe im Rückraum waren die Folge – Steilvorlagen für schnelle Gegenangriffe der Spanier, die auf 8:2 davonzogen.

Kapitän Uwe Gensheimer, im ersten Spiel gegen die Niederlande früh mit Rot vom Feld geworfen, verwarf wie schon im Auftaktspiel zwei Siebenmeter. Torhüter Andreas Wolff bekam nichts zu fassen und wurde ausgewechselt. Spanien spielte vorn kaum über Außen, dafür oft mit zwei Kreisläufern, und die trafen fast immer.

Erst nachdem Deutschland auch auf eine 3-2-1-Abwehr umgestellt hatte, glich sich das Spiel etwas aus. Doch auf Augenhöhe war das deutsche Team nur, wenn der Gegner in Unterzahl war. So gelang der Anschluss von 4:10 auf 9:10. Spanien blieb fast zehn Minuten ohne Tor, kurz dachte man: Es geht über vom Klassenunterschied zum Klassenkampf. Zur Pause standen drei Tore Rückstand zu Buche.

Zur zweite Hälfte wechselte Bundestrainer Christian Prokop dreimal: Die beiden Außen wurden ausgetauscht, Wolff kam für den zwischenzeitlich eingewechselten 2007er-Weltmeister Johannes Bitter zurück ins Tor. Doch das Bild blieb das gleiche: Im von Verletzungen geplagten Rückraum lernten sich die deutschen Spieler kennen, was mitten im Turnier ein eher ungünstiger Zeitpunkt ist. Paul Drux traf einmal bei drei Versuchen, Kai Häfner drei von acht Würfen. Zu wenig: "Unterirdische Angriffseffektivität", sagte Prokop nach dem Spiel. Immerhin wendeten die Deutschen noch die höchste Niederlage bei einer EM ab (2008 mit zehn Toren gegen Frankreich). Spanien indes spielte nichts Überraschendes. Aber es reichte.

Was war mit den Torhütern?

Er hielt fast alles, was auf sein Tor kam. Er war da, wenn sein Team ihn am meisten brauchte. Und es kamen nie Zweifel auf, dass er am richtigen Ort steht. Schade nur, dass Gonzalo Pérez de Vargas im spanischen Tor stand. Zeitweise hatte er eine Quote von 50 Prozent gehaltener Bälle. Beim deutschen Andi Wolff waren es am Ende sechs Prozent: Von 16 Bällen hielt er einen. Jogi Bitter, der jeweils die zweite Hälfte der Halbzeiten spielte, kam immerhin auf 26 Prozent. Während der spanische Keeper sein Team anführte, sah man Wolff konsterniert auf der Bank mit Handtuch an den Augen wischen. Vor vier Jahren, nach dem sensationellen EM-Finalsieg 2016 gegen Spanien (24:17), bei dem Wolff die Hälfte aller spanischen Versuche und damit den Titel festgehalten hatte, kursierte folgende Interviewpassage mit ihm: "Herr Wolff, was halten Sie von Spanien" – "Fast alles." Nun gibt es eine neue Fassung:

Wer war der Spieler des Spiels?

Gonzalo Pérez de Vargas. Spaniens Torhüter steht beim FC Barcelona im Tor, ein Weltklassemann, der ter Stegen des Handballs. Er hielt mit der Brust, mit dem Arm, mit der Schulter, wahrscheinlich hat er den ein oder anderen Ball auch rausgeguckt oder rausgehaucht.

Was heißt das jetzt?

Ein Sieg würde "vieles einfacher machen", sagte Bob Hanning, der Vizepräsident des deutschen Handballbundes vor dem Spiel. Der Sieger würde zwei Punkte sicher in die Hauptrunde mitnehmen und wäre schon einen guten Schritt weiter für das Halbfinale. Jetzt ist klar: Es sind zwei spanische Punkte. Köpfehängenlassen war eine deutsche Disziplin. Die größere Sorge aber: Es traten sich grundsätzliche Mängel auf:

  • Gegen eine offensive Abwehr fanden die Deutschen keine Lösung. Das werden auch andere Teams gesehen haben.
  • Haben die Torhüter keinen guten Tag, hat das Team keinen guten Tag.
  • Es gibt noch keinen Spielmacher.
  • Es ist (noch) nicht das Turnier von Uwe Gensheimer, dem Kapitän des Teams.
  • Über die Spanier war vor dem Spiel das meiste bekannt, Bundestrainer Prokop sagte: Wir haben einen Plan. Nachher blieb ihm nur ein resigniertes "In Topbesetzung sind sie uns überlegen".
  • Co-Trainer Erik Wudtke sagte vor dem Turnier: "Alle Spielsportarten werden in Europa nicht zuletzt auch von spanischen Trainern dominiert. Es herrscht in Spanien offensichtlich ein gutes Taktikverständnis und das zeigt sich auch in der A-Nationalmannschaft." Könnte er nach dem Spiel noch mal sagen. Geändert hat das am Auftreten nichts.

Wie geht es weiter?

Mit dem letzten Gruppenspiel gegen Lettland. Die haben einen Spieler, Sie werden ihn nicht übersehen, der ist 2,15 Meter groß, heißt Dainis Krištopāns und ist Lettlands Bester. Er und seine Letten sind allerdings das erste Mal bei einer EM dabei, Deutschland sollte das Spiel gewinnen. Dann geht es in die Hauptrunde, unter anderem gegen bisher makellose Kroaten. Spielen die Deutschen wie gegen Spanien, scheiden sie spätestens da aus.