Man wusste gar nicht, dass Karl Geiger sich so freuen kann. Er lachte und lachte, und dann hob er seinen Zimmernachbarn Markus Eisenbichler nach oben, der gerade Weltmeister geworden war. Geiger wurde Zweiter, sprang 131 und 130,5 Meter in Innsbruck, fast ein Jahr ist das jetzt her. Erst kurz zuvor hatte er seinen ersten Einzel-Weltcup gewonnen. Geiger war keiner, der sofort auffiel. Man sah in ihm einen Springer, der es an guten Tagen auch mal in die Top Ten schafft. Aber in Innsbruck wurde aus Geiger endgültig ein Siegspringer: Einen Tag nach Silber gewann Geiger Gold mit dem Team.

Er wird also gern nach Innsbruck zurückkehren, diesmal zur Vierschanzentournee. Nach zwei Schanzen liegt Geiger auf Platz zwei der Gesamtwertung, nur 6,3 Punkte hinter Ryoyu Kobayashi, der im Vorjahr alle vier Springen gewann. In diesem Jahr aber scheint der Japaner schlagbar. In Garmisch-Partenkirchen wurde Kobayashi nur Vierter, Geiger machte Punkte gut.

Noch klammert sich der 26-Jährige an den alten Skispringerspruch, nach dem man von Sprung zu Sprung denken müsse. "Es hilft mir nichts, zu schauen, da sind es noch zwei Punkte, da sind es noch zehn", sagt er. Nach Innsbruck fahre er entspannt, was die anderen machen, könne er eh nicht beeinflussen, aber: "Die können auch nicht zaubern." Die deutschen Fans hoffen, dass Geiger in Innsbruck und Bischofshofen Kobayashi noch überholen kann. Seit Sven Hannawalds Triumph sind 18 Jahre vergangen.

Die deutschen Springer wurden in den vergangenen Tagen öfter gefragt, wie Geiger denn drauf sei, wenn der sich gerade auf einen wichtigen Sprung vorbereitete. "Der ist ganz bei sich", war eine Antwort. Oder: "Der wirkt ganz entspannt." Im Team nennen sie Geiger "den Ingenieur". Er hat Energie- und Umwelttechnik studiert, er ist ein Analytiker. Wenn es irgendeinen Menschen gibt, der Skisprünge planen kann, dann Karl Geiger.

Jedenfalls ist er keiner dieser Gefühlsspringer, die von Schanze zu Schanze fahren und spontan auf Hang und Wind reagieren. Geiger überlegt viel, aber Emotionen brechen eher selten aus ihm heraus. Das Neujahrsspringen war da eine Ausnahme, als er im Zielbereich vor Freude schrie. Die Schanze in Garmisch war nie seine liebste. Auch deswegen hat er im Sommer dort trainiert, jetzt versteht er die Schanze besser. Der Ingenieur plant seine Sprünge zurzeit ziemlich gut.

Wenn Geiger erklären soll, was er jetzt tun muss, dann sagt er oft, er müsse schauen, "bei meinem Zeug" zu bleiben. Sein Zeug ist seine Technik. Zuletzt hat Geiger vor allem an der Hocke in der Anfahrtsspur getüftelt. Er hat sich gefragt: Wie kann ich schneller über die Spur gleiten? In welchem Winkel müssen Ober- und Unterschenkel stehen, damit ich dem Wind nicht zu viel Widerstand biete?