Erinnerungen sind Bilder. An die Wellen in Colorado. An ein Lächeln im Madison Square Garden, im Augenblick der Ruhe.

Damals, im Gerichtssaal I von Eagle in Colorado, in einem Tal der Rocky Mountains, saß ich einige Meter hinter Kobe Bryant, der dort vorne mit gebeugtem Kopf stand, nichts sagte. Er trug ein weißes Sakko, hauteng, sein Rücken hatte die Form eines V, denn Bryant war einer der ersten Basketballer mit unwirklich austrainiertem Körper, so wie später dann LeBron James und nun Zion Williamson. Man sah Bryants Schulterblätter, die Rückenmuskulatur durch das Sakko, und Bryant ließ es zucken, oben links, oben rechts, unten, wieder oben, sein Sakko sah aus wie sanfte Wellen, Wasser, das sich kräuselt.

Es war der Tiefpunkt seiner nur 41 Lebensjahre, denn der Weltstar Kobe Bryant war der Angeklagte. Der Vorwurf: Vergewaltigung.

Am 30. Juni 2003 hatte Bryant in der Cordillera Lodge eingecheckt, weil er in Vail eine Kniespiegelung machen lassen wollte. 56 Zimmer gibt es dort, Nummer 35 kostete 599,50 Dollar pro Nacht, mir fiel bei meiner Recherchereise auf, wie niedrig der Duschkopf hing, ungefähr 1,80 Meter über dem Boden, eine Unverschämtheit für einen Basketballer. Aber es gab einen Whirlpool.

Als er dort war, hatte Bryant Katelyn F., 19-jährige Rezeptionistin, Cheergirl der Eagle County High School, beim Check-in getroffen, und als er sich später einen Caesar’s Salad bestellte, wählte er 180, Rezeption, und nicht 252, Room-Service. Wenig später rief er erneut an und sagte, der Whirlpool funktioniere nicht; sie erschien und erklärte ihm den Whirlpool. Ob sie ihn nicht nach Dienstschluss besuchen wolle, fragte er, und sie sagte Ja, allerdings nur zu diesem Besuch um 23.13 Uhr, und danach sagte sie Nein.

Es ist nicht lange her, aber andere Zeiten waren es doch.

Die Basketball-Welt war männlich und die Frage, was denn eine Frau, die zu Bryant aufs Zimmer gehe, dort erwarte, allgegenwärtig. Die Zeitung The Globe outete das Opfer mit vollem Namen auf der Titelseite, druckte ein Dessousfoto daneben und stellte die Frage: "Sagte sie wirklich Nein?" Der Prozess wurde dann eingestellt, weil Katelyn F. letztlich doch nicht vor Gericht aussagen mochte; eine private Klage, auf Schmerzensgeld und Schadenersatz, zog sie zurück, weshalb Bryants Karriere weitergehen konnte.

Kobe Bryant wurde fünfmal Meister in der National Basketball Association (NBA), immer mit den Los Angeles Lakers, er war zweimal Olympiasieger mit den USA, er wurde in 20 Jahren achtzehnmal ins All-Star-Team gewählt, war Most Valuable Player der gesamten Saison, war zweimal MVP der Finalserie. 33.643 NBA-Punkte schaffte er, und dieser Kobe Bryant war, so wie vor ihm nur Michael Jordan und seither nur LeBron James, ein perfekter Athlet, weil er alles konnte und alles wollte, nichts als das maximal Mögliche, an jedem verdammten Tag.

Es ist ja selten, dass ein Spieler alle fünf Position beherrscht, die Distanzwürfe so wie die Pässe und die Dunks; und dass er es dann noch liebt zu verteidigen, weil zwar vorn die Rekorde aufgestellt werden, weil aber die Verteidigung die Meisterschaften gewinnt. Selten ist es auch, dass ein Siebzehnjähriger aus der Highschool direkt in die Profiliga wechselt, ohne auch nur ein Jahr im College; und dass dieser Siebzehnjährige dann jenem Club, der ihn auswählt (es waren die Charlotte Hornets), nicht dankt, sondern erklärt, zu ihm würde er auf keinen Fall gehen – notfalls würde er eben in Europa spielen.

So wurde Bryant zu jenem ersten Profi, der die Macht übernahm und damit beiläufig die Spielregeln der NBA veränderte: Seither wählen sich die Superstars ihre Clubs, ihre Mitspieler, ihre Vertragsdauer – und die Clippers, die Lakers, die Brooklyn Nets machen das alles mit, weil ein Jahr mit Kawhi Leonard oder LeBron James oder Kevin Durant besser ist als keines (Charlotte übrigens stimmte damals einem Tausch zu, bekam von den Lakers den alten Center Vlade Divac; und Bryant ging zu den Lakers, zu denen er wollte).

Vergessen wurde jener Prozess von 2003 nie. Der Schatten blieb. Vanessa, Kobe Bryants Ehefrau, kündigte mehrfach die Scheidung an, ständig war von Affären Kobe Bryants die Rede, aber sie blieben zusammen, zwei Eltern mit ihren vier Töchtern.