"Oh, ich habe ein Tor geschossen! Was mach ich jetzt?" – Seite 1

Michael Parensen, 33, spielt seit 2009 beim 1. FC Union Berlin. Er ist der Spieler mit den meisten Einsätzen in der zweiten Liga für Union und überhaupt einer der Profis, der am längsten seinem Club treu geblieben ist. Sein erstes Profitor erzielte er 2011 in der zweiten Bundesliga gegen Karlsruhe. Beim 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf am 22. Dezember 2019 traf er auch zum ersten Mal in der Bundesliga. 

ZEIT ONLINE: Herr Parensen, wie fühlt es sich an, ein Tor in der Bundesliga zu schießen?

Michael Parensen: Nicht so spektakulär, wie man glaubt. Es war auch keine besondere Leistung, den Ball aus einem Meter über die Linie zu schieben. Oder waren es zwei Meter? Im ersten Moment habe ich mich schon gefreut. Aber ich habe später auch gesehen, dass wir gar nicht so lange gejubelt haben. Wir hatten bis dahin nämlich ein ziemlich schlechtes Spiel gemacht. Erst mit dem Tor hatten wir das Gefühl, ins Spiel reingekommen zu sein. Wir wollten uns also schnell wieder konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Aber immerhin mussten Sie 33 Jahre alt werden, um Ihr erstes Bundesligator zu schießen. Auch Sie stehen als Torschütze jetzt in den Annalen der Liga.

Parensen: Klar. Das Schöne war, dass nach dem Spiel direkt frei war. Wir saßen abends noch mit der Mannschaft zusammen und sind dann in unterschiedliche Richtungen in den Urlaub aufgebrochen. Da hatte man auch Zeit, das mit der Familie ein wenig sacken zu lassen. Bei jedem Weihnachtsessen war das Tor natürlich Thema Nummer eins. Es kamen auch viele Anrufe und Nachrichten. Irgendwann erkennt man: Dieses Erlebnis nimmt einem keiner mehr.

ZEIT ONLINE: Schildern Sie doch bitte noch mal die Szene.

Parensen: Ich kann mich nur erinnern, wie plötzlich der Ball vor meinen Füßen lag.

ZEIT ONLINE: Es war eine Ecke.

Parensen: Genau. Wir haben klare Positionen, wie wir bei einer Ecke einlaufen. Ich bin da immer vorne mit dabei, weil ich aufgrund meiner Größe vielleicht auch immer etwas unterschätzt werde und nicht ganz so eng gedeckt werde. Ich wollte zunächst nur auf meiner Position sein. Der Ball flog dann aber über mich rüber. Und dann ging es um den zweiten Ball. Am Ende musste ich ihn nur noch einschieben. Ich war schon überrascht, wie einfach sich so ein Bundesligator schießen lässt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie kurz vor Ihrem, nun ja, Schuss etwas gedacht?

Parensen: Nein, wer im Sechzehner denkt, hat die Chance meist schon vertan. Das ist einfach Intuition.

ZEIT ONLINE: Ab wann wussten Sie: Den mach ich!

Parensen: Als der Ball vor mir lag.

ZEIT ONLINE: Es gab schon Szenen, in denen solche Bälle noch übers Tor flogen.

Parensen: Aber es stand ja gefühlt niemand um mich herum. Der Ball kam auch auf meinen linken Fuß, ich bin Linksfüßer, das hat auch gepasst.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Parensen: Dann dachte ich: Oh, ich habe ein Tor geschossen! Was mach ich jetzt? Ich wollte dann in der Emotion irgendwie loslaufen und kam auf den Gedanken, den Schlenker zu unseren Fans zu machen.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich vorher keine Gedanken gemacht, wie Sie jubeln würden?

Parensen: Nein. Bei mir kommt das so selten vor, da wäre es verlorene Zeit, sich vorher was zu überlegen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sich im Nachhinein selbst jubeln sehen, was denken Sie da?

Parensen: Es sieht komisch aus. Vielleicht überlegen die Spieler, die öfter Tore machen, sich deshalb vorher Sachen. Damit man nicht irgendwas macht und nur wie doof herumläuft. Es ist ja jede Kamera auf einen gerichtet und alle Leute im Stadion schauen auf einen. Selbst ich, der diese Situation mit den dazugehörigen Emotionen erlebt hat, kann das später nicht mehr nachempfinden. Wenn ich das sehe, denke ich nur: Was mache ich da?

ZEIT ONLINE: Hörten Sie die Fans jubeln?

Parensen: Nein. Erst später, als die erste eigene Euphorie langsam abgeflaut war.

ZEIT ONLINE: Die Kollegen, die dann zum Jubeln kamen, was machten die eigentlich? Schrien die nur oder verteilten sie gleich Anweisungen?

Parensen: Im ersten Moment ging es ums Schreien, einfach Freude und Anspannung rauslassen. Dann haben wir aber auch schnell gesagt, worauf wir uns jetzt konzentrieren sollten. Nach diesem Tor war der Tenor: Jetzt sind wir da!

ZEIT ONLINE: Spielt es sich danach anders?

Parensen: Man kommt in den Flow. Ich bin direkt danach immer relativ atemlos. Da muss ich erst mal zwei, drei Minuten durchatmen. Ansonsten ist man schon durch das Ausschütten irgendwelcher Hormone präsenter und es spielt sich leichter. Ein Tor steigert auch das Selbstbewusstsein. Gerade bei Stürmern kann man ja beobachten, dass sie nach einem Tor oft noch mal gefährlich werden.

ZEIT ONLINE: Merkt man, dass der Gegner bei der nächsten Ecke etwas genauer hinschaut?

Parensen: Auf jeden Fall.

ZEIT ONLINE: Wird man mutiger im Trash Talk?

Parensen: Da bin ich überhaupt nicht der Typ für. Wenn man den anderen kennt, lächelt man sich schon mal an oder hat vor der nächsten Ecke mal Blickkontakt. Aber ich bin absolut kein Fan davon, da irgendwelche Sprüche zu klopfen.

"Die nächsten Tage hat man schon ein größeres Selbstbewusstsein"

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie das Tor nach dem Spiel zum ersten Mal gesehen?

Parensen: Da muss ich überlegen. Wir hatten direkt im Anschluss noch ein Essen, dann bin ich drei Stunden lang nach Hause gefahren, gegen Mitternacht war ich bei meinen Eltern. Wahrscheinlich am nächsten Tag, aber ganz genau weiß ich es nicht.

ZEIT ONLINE: Wie oft seitdem?

Parensen: Einmal oder zweimal.

ZEIT ONLINE: Nur?

Parensen: Na ja, wenn es ein schönes Tor gewesen wäre, hätte ich es mir vielleicht ein wenig öfter angeschaut.

ZEIT ONLINE: Sind Sie traurig, dass es nicht schöner war?

Parensen: Ach Quatsch, wie gesagt: Ich bin nicht der, der sich über Tore oder deren Schönheit definiert. Deswegen ist es für mich nicht so eine bedeutende Sache. Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Eigentlich nur jetzt für dieses Interview.

ZEIT ONLINE: Hat das Tor was verändert?

Parensen: Das Tor an sich vielleicht nicht. Aber es zeigt mir generell: Ja, es geht auch auf dem Niveau. Du kannst mithalten. Du bist da. Du bist präsent auf der Bühne. Die nächsten Tage hat man schon ein größeres Selbstbewusstsein. Es bestärkt dich in deiner Sache.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie ein Tor mehr zu schätzen als ein Stürmer, der zehn davon im Jahr macht?

Parensen: Das bezweifle ich. Für einen Stürmer ist es noch mehr Bestätigung seiner Arbeit. Der trifft zwar öfter, aber er braucht die Tore, um in seiner Spielweise, ja sogar seinem Wesen bestärkt zu werden. Das ist bei mir nicht so.

ZEIT ONLINE: Was macht mehr Spaß: Tore schießen oder Tore verhindern?

Parensen: Tore schießen macht schon mehr Spaß, aber eine super Verteidigungsaktion ist für Abwehrspieler wie ein Tor. Deshalb eignet man sich an, sich über solche Sachen genauso zu freuen. Abwehrarbeit ist vor allem Arbeit. Aber sich hinten reinzuwerfen, da ist die Genugtuung schon eine größere.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie die Abwehrarbeit in der Öffentlichkeit genug gewürdigt? In den Zusammenfassungen sind ja meist immer nur die Tore oder großen Chancen zu sehen, also die guten Aktionen der Offensiven.

Parensen: Wenn du als Verteidiger einen Fehler machst, bist du immer der Depp. Wenn ein Stürmer mal drüberschießt, den nächsten aber macht, ist es okay. Aber das ist auch in Ordnung. Letztendlich sind es oft die Stürmer, die Spiele entscheiden. Und die Leute wollen halt vor allem Tore sehen. 

ZEIT ONLINE: Lust auf noch ein Tor?

Parensen: Definitiv. Aber mein Job ist ein anderer.