Oliver Kahn - Oliver Kahn: "Werde nicht durch den Meeting-Raum grätschen" Der frühere Torwart Oliver Kahn ist designierter Nachfolger des FC-Bayern-München-CEOs Karl-Heinz Rummenigge. Seine Einarbeitung startete mit dem Jahresbeginn. © Foto: Reuters TV

Zum ersten wichtigen Fußballtermin im neuen Jahrzehnt kehrten die Neunziger zurück. Auf dem Podium im Presseraum der Münchner Arena saß jemand, dessen Gesicht man sehr gut von früher kennt. Für viele Fußballfans ist Oliver Kahn mit ihrer Kindheit verbunden, damals begann er seinen Aufstieg zu einem der besten Tormänner der Welt.

Früher sah man den Zornigen oft die Zähne fletschen oder auch schon mal sein Halszäpfchen, wenn er einen Gegenspieler anschrie. Seinen Mitspieler Andy Herzog schüttelte er schon mal durch. Inzwischen hat sich Kahn ein Lächeln und eine gelassene Ansprache angeeignet. "Emotionalität ist sehr wichtig auf dem Platz und auch auf der Tribüne angesagt", sagte Kahn auf seiner Vorstellung als Vorstandsmitglied des FC Bayern. "Aber ich werde nicht durch den Meeting-Raum grätschen."

Der FC Bayern steht an einer Schwelle. Die Ära Hoeneß/Rummenigge geht nach Dekaden langsam zu Ende. Zuletzt erlebte der Verein das erfolgreichste Jahrzehnt seit den Siebzigern, vielleicht sogar aller Zeiten. Acht nationale Meisterschaften gewann er in den Zehnerjahren, einen Champions-League-Titel und zu einem deutschen WM-Gewinn trugen maßgeblich Bayern-Spieler bei.  

Den anwesenden Reportern wurde rasch klar, dass Kahn, der eine zweijährige Einarbeitungsphase antritt, bevor er den CEO Karl-Heinz Rummenigge ablösen wird, das Selbstbewusstsein eines Champions-League-Siegers mitbringt. "Ich möchte die Erfolgsgeschichte des FC Bayern fortschreiben", sagte er, "vielleicht noch eine Schippe drauflegen". 

Großes Lob vorab erhielt er durch den neuen Präsidenten und Aufsichtsratschef Herbert Hainer, auch durch viele Medien und Fans. Doch auf den kommenden Bayern-Boss warten ein schweres Erbe und eine komplizierte Arbeit.

Der FC Bayern bleibt sich und seinem beinahe einmaligen sowie charmanten Modell treu. Seit Jahrzehnten wird er von Ex-Fußballern wie Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge geführt. Die internationale Konkurrenz aus England, Spanien, Italien oder auch Leipzig macht das anders, aber nicht immer besser. Auch Kahn betonte das "familiäre Element" des Vereins. Zur Sprache kam auch das viel zitierte "Bayern-Gen", die "Bayern-DNA".

Rechtsstreit mit René Adler

Das Erbgut des FC Bayern hat zuletzt an Wirkung ein wenig eingebüßt. In der Bundesliga steht die Mannschaft auf Rang drei, ein europäisches Finale erreichte sie letztmals vor sieben Jahren. Er möchte wieder "Weltklassefußball" sehen, sagte Kahn. "Es kann beim FC Bayern nur darum gehen, die Nummer 1 zu sein, überall." Mit welchen sportlichen Ideen er das Ziel angehen will, ließ er allerdings im Vagen. Er wünsche sich "eine Spielidee, die Bayern-München-like ist".

Vom Aufsichtsrat des Vereins wurde Kahn als idealer Kandidat erkoren, wie Hainer sagte, weil er "auf ideale Art" den FC Bayern verkörpere und neben seiner sportlichen auch wirtschaftliche Kompetenz mitbringe. Kahn ist Unternehmer, er betrieb nach seinem Fernstudium in Betriebswirtschaft eine Onlineschulung für Torhüter.

Durchsetzungsvermögen besaß er auch auf diesem Feld, so lieferte er sich einen juristischen Markenstreit mit seinem Nachfolger im deutschen Tor, René Adler. Während seiner elf Jahre langen Zeit als ZDF-Experte legte Kahn seine Verbissenheit ab. Er habe beim Fernsehen "sehr, sehr analytisch" gearbeitet, sagte er.

Auf die alte Garde zu setzen, die irgendwann die kurzen Hosen gegen den Anzug eintauschen, mag eine belächelte Strategie sein. Doch der FC Bayern zeigt seit Jahren, dass sie funktionieren kann. Wer zwanzig Jahre Profifußball gespielt habe, sagte Hainer, der kenne die Kabine und "die Gefühlswelt" einer Mannschaft. Es war nicht zuletzt das Erfolgsrezept der ehemaligen Weltklassestürmer Rummenigge und Hoeneß, dass sie besser als andere erkannt haben, welche Spieler taugen.

Als Tormann ein Individualsportler

Nach dieser Logik sollte, wer ein Bild von der Zukunft des FC Bayern vor Augen haben will, sich das besondere sportliche Profil des Fußballers Kahn noch mal genauer anschauen. Er bestach durch Fleiß, Ehrgeiz, eisernen Willen, Mentalität und Umgang mit Druck. So wurde er vierzehn Jahre lang der Rückhalt des FC Bayern, der die siegesgewisse Arroganz des Vereins in jedem Spiel ausstrahlte und mit dem FC Bayern viele Titel gewann.

"Ich bin ein Teamplayer", sagte Kahn auf der Pressekonferenz. Vielleicht dachte er daran, dass er als Tormann beinahe naturgemäß eher ein Individualsportler war, der meist alleine trainiert hat. Das Spiel revolutioniert, wie Manuel Neuer etwa, der viel eher als seine Vorgänger Teil der Mannschaft wurde, hat Kahn nicht.

Zusammen mit dem Sportdirektor Hasan Salihamidžić soll der heute immerhin schon 50-jährige Kahn künftig in München die wichtigen Entscheidungen über Trainer und Transfers treffen. In der Bundesliga hat der FC Bayern eine Art Monopol, doch will er die noch reicheren Clubs aus Paris und Manchester schlagen, muss er sich etwas einfallen lassen. Zumal das Mannschaftsspiel Fußball strategischer geworden ist. Das wird eine spannende Aufgabe für den einst großen Tormann.