"Im Football ist die Mathematik einfacher als im Fußball" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Riske, aus der Perspektive des Mathematikers: Wer gewinnt den Super Bowl?

Timo Riske: Unser Modell bei PFF und alle anderen Modelle, die ich kenne, favorisieren die Kansas City Chiefs und das schon, seit die Baltimore Ravens ausgeschieden sind. Seitdem haben die Chiefs mit Abstand die beste Passing Offense der verbleibenden Teams. Dies ist der wichtigste Faktor in der NFL. Je nach Modell schwanken die berechneten Chancen der Chiefs zwischen 55 und 65 Prozent. 

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Jahren sind Statistiken im Football immer wichtiger geworden. Wofür werden sie eingesetzt? 

Riske: Um den Fans besser zu erklären, welcher Spieler gut gespielt hat. Und um den Teams zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, die auf Evidenz basieren statt auf dem Bauchgefühl. 

ZEIT ONLINE: Was hat sich durch den Einsatz von Statistiken konkret geändert? 

Riske: Es wird viel mehr gepasst als früher. 

ZEIT ONLINE: Was hat das mit Statistiken zu tun?


Riske: Wenn man sich die Daten der vergangenen Jahre anschaut, haben Teams es häufiger geschafft, zu einem neuen First Down zu kommen, wenn sie bei den ersten beiden Versuchen auf das Passspiel setzen statt auf das Laufspiel. Ähnlich sieht es bei den vierten Versuchen aus. Wir haben ein Modell entwickelt, das berechnet, ab wann es sich lohnt, einen vierten Versuch auszuspielen, statt den Ball zum Gegner zu punten (kicken, die Redaktion). Seitdem werden vierte Versuche viel häufiger ausgespielt.


ZEIT ONLINE: Es gibt Kritiker, die an Analytics zweifeln. Vor allem, da in dieser Saison die Teams mit den besten Passwerten, zum Beispiel die Dallas Cowboys oder die Tampa Bay Buccaneers, es nicht in die Play-offs geschafft haben. Widerspricht das nicht Ihrer Aussage? 

Riske: Das ist der Klassiker. Die Kausalität ist genau umgekehrt. Wer gut passt, wird oft gewinnen. Wer oft gewinnt, wird aber weniger passen. Wer vorne liegt, kann auf kurze Pässe und Laufspiel setzen. Wer im Spiel zurückliegt, muss oft auf weite Pässe setzen, die viele Yards bringen. Das haben etwa die Cowboys in dieser Saison gut gemacht. Allerdings haben sie auch oft früh im Spiel hinten gelegen, konnten dann zwar aufholen, die Spiele aber nicht mehr gewinnen. 

ZEIT ONLINE: Auf der anderen Seite sind die vier Teams mit dem besten Laufspiel ziemlich souverän in die Play-offs gekommen. 

Riske: Es gibt auch diese Statistik: In den vergangenen beiden Jahren waren fünfzehn unterschiedliche Teams in der Divisional Round der Play-offs. Nur die Chiefs waren zweimal dabei. Alle diese Teams waren auch unter den Top 16 der effizientesten Teams im Passspiel. Dabei wird berechnet, wie viele Yards ein Team pro Versuch schafft. 

ZEIT ONLINE: Die Tennessee Titans sind bis ins Conference Championship gekommen und erst dort an den Chiefs gescheitert. Dabei hatten sie in den ersten beiden Play-off-Spielen keine 100 Yards Passing zustande gebracht. Wie geht das? 

Riske: Gegen die zahnlose Offensive der Patriots hat die Verteidigung von Tennessee sehr stark gespielt. Gegen die Ravens ist dann das eingetreten, was eintreten musste, damit die Titans eine Chance hatten. Die Ravens waren eigentlich in den meisten Indikatoren, die beschreiben, welches Team besser gespielt hat, vorne: Sie hatten mehr Yards pro Spielzug, mehr First Downs und öfter Ballbesitz in der Red Zone, den letzten 20 Yards des gegnerischen Feldes vor der Endzone. Alle volatilen Faktoren, die sich schwer vorhersagen lassen, waren jedoch aufseiten der Titans: Die Ravens haben dreimal den Ball durch Turnover verloren und in der Red Zone wurden sie zu Field Goals gezwungen oder sind im vierten Versuch gescheitert. Das sind Sachen, von denen wir wissen, dass sie zwar wichtig für den Spielausgang sind, aber eher zufällig auftreten. Sie sind der Grund, warum der Sport letztlich schwer zu vorhersagen ist – eine gute Sache für den Zuschauer. 

ZEIT ONLINE: Dennoch scheinen die Titans in dieser Spielzeit mit Old-School-Football und gutem Laufspiel erfolgreich zu sein. 

Riske: Nein. Die Titans sind vor allem in die Play-offs gekommen, weil sie nach dem Quarterbackwechsel von Marcus Mariota zu Ryan Tannehill die zweitbeste Passing Offense der Liga hatten, und Ryan Tannehill selbst war sogar der am besten bewertete Quarterback von PFF. Während in einem Spiel immer Unvorhergesehenes passieren kann und das Running Game auch mal der entscheidende Grund für einen Sieg ist, zeigen unsere Daten, dass über eine gute Saison ein gutes Passspiel wesentlich für den Erfolg eines Teams ist. Das liegt daran, dass ein starkes Passspiel viel konstanter ist als ein starkes Laufspiel, das eine viel höhere Varianz hat. Denn das Passspiel hängt vor allem vom Quarterback ab. Ist der gut, wird er vermutlich über die gesamte Saison gut sein. Beim Laufspiel hängt viel von der Offensive Line und der Defensive Front ab, sprich von mindestens dreizehn Spielern. Das bedeutet mehr Chaos und mehr Zufall. 

ZEIT ONLINE: Im Super Bowl treffen die Chiefs auf die 49ers. Die haben am Sonntag nur achtmal den Ball geworfen, gerade einmal sechs Pässe sind angekommen. Wieso hat es San Francisco in den Super Bowl geschafft? 

Riske: Die 49ers haben die Packers auf allen Ebenen dominiert, insbesondere dem eigenen Run Game, das die Packers einfach nicht stoppen konnten. Der finale Boxscore (37:20) zeigt gut, über was wir schon gesprochen haben: Der Hauptgrund, dass die 49ers nur achtmal gepasst haben, liegt darin, dass die Packers in der ersten Halbzeit offensiv nichts zustande gebracht haben und im Gegenteil sogar zwei Turnover hatten. Wenn die Packers selbst Punkte erzielt hätten, hätte Garoppolo öfter passen müssen. Es bleiben Zweifel, ob sich eine solche Leistung im Laufspiel der 49ers wiederholen lässt. Sehr wahrscheinlich werden sie gegen die Chiefs viel öfter passen müssen, um zu gewinnen. 

Wieso sind im Football Statistiken wichtiger als im Fußball?

ZEIT ONLINE: Welches Team in der NFL legt besonderen Wert auf Statistiken? 

Riske: Die Baltimore Ravens. Sie haben allein im Sommer drei neue Mitarbeiter eingestellt und jetzt ein Analytics-Team von mindestens fünf Leuten. Sie sind das Team, das einen vierten Versuch am häufigsten ausspielt. Es gibt weitere Punkte, an denen man den Einfluss von Statistiken sieht: viel Bewegung, bevor der Versuch ausgespielt wird, viel Play-Action-Passspiel. Laufspiel aus der Pistol-Formation. All das sind Dinge, die in der Analytics-Community viel Zustimmung finden. 

ZEIT ONLINE: Die Ravens sind aber ausgeschieden. 

Riske: Aber sie haben nicht so schlecht gespielt, wie das Ergebnis aussieht. Dass mit den Ravens das beste Team der Saison ihr erstes Play-off-Spiel verloren hat, zeigt, dass neben dem Talent und dem Coaching in den Play-offs sehr viel passieren muss, um einen Super Bowl zu gewinnen. In einem K.-o.-System spielt auch Glück eine große Rolle. Die Ravens sind, auch wegen ihrer Offenheit für Analytics, auf dem richtigen Weg und sollten sich von der Niederlage nicht beirren lassen. 

Timo Riske © privat

ZEIT ONLINE: Es gibt immer wieder Trainer, die sich gegen Analytics wehren. Zum Beispiel in Seattle. Warum gibt es noch solche Widerstände? 

Riske: Weil man das schon immer so gemacht hat. Pete Carroll, der Headcoach der Seattle Seahawks, ist Ende 60. Er hat bestimmt schon seit 50 Jahren auf seine Art Mannschaften trainiert. Ich glaube, es gibt Persönlichkeiten, die sind offen für Statistiken und andere eben nicht. 

ZEIT ONLINE: Wieso ist im Football der Einfluss von Statistiken größer als beim Fußball?

Riske: Weil Football in Spielzüge unterteilt ist. Ein Spielzug ist ein Datenpunkt. Diese können auch von Laien leicht erfasst werden. Beim Fußball ist die Datenerfassung viel schwieriger und technisch aufwendiger, da es eigentlich nur über Tracking funktioniert. Und beim Fußball passieren viele Dinge, von denen man nicht weiß, ob sie relevant sind. Zum Beispiel bei Ballbesitz im Mittelfeld. Beim Football hat zudem jeder Spieler eine klar definierte Aufgabe: Ein Spieler passt den Ball, einer fängt ihn, einer verteidigt den Pass. Es lässt sich dadurch leicht beschreiben, ob jemand seine Aufgabe gut erfüllt hat. 

ZEIT ONLINE: Wird der Einfluss von Statistiken im Fußball zunehmen? 

Riske: Ich glaube, teilweise ist der Einfluss schon da. Ich habe mich nur oberflächlich damit befasst. Man kann auch im Fußball jeder Spielsituation einen Wert zuordnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Tor fällt. Das ist dann eben ein sehr kleiner Wert, zum Beispiel zwei Prozent. Nach einem Pass kann man den Wert erneut berechnen. Ist er dann bei drei Prozent, war es ein guter Spielzug. Ein ähnliches Prinzip wie beim Football, aber die Analyse ist viel schwieriger und die Mathematik dahinter komplexer. Beim Football ist es einfach: Es geht um Down, Distanz und Feldposition. 

ZEIT ONLINE: 2011 hat der Film Moneyball Statistiken als Einflussgröße im Baseball bekannt gemacht. Sind Analytics dort noch wichtiger?

Riske: Leute, die Ahnung haben, sagen mir, dass der Baseball viel früher dran war und der Einfluss größer ist. 

ZEIT ONLINE: Wenn im Sport immer mehr berechnet wird, geht dann nicht genau das verloren, was den Sport ausmacht? Also die Genialität eines Athleten, das Unberechenbare? Dieser super unwahrscheinliche Sieg, der doch noch in letzter Sekunde gelingt und für immer in Erinnerung bleibt? Zerstören Zahlen dies alles? 

Riske: Das glaube ich nicht. Was sich nicht ändern wird, ist, dass sich am Ende Talent durchsetzt. Das Ziel von Analytics ist auch vielmehr, jedem Sportler die Möglichkeit zu geben, sein Talent zu maximieren. Daher habe ich die Hoffnung, dass sie noch besser werden. Ein Gegenbeispiel aus dem Football: Früher wurde bei jedem vierten Versuch gepuntet. Das ist doch langweilig. Der Zuschauer geht sich dann ein Bier holen, es läuft Werbung, jeder wartet darauf, dass die andere Mannschaft mit ihrem Ballbesitz beginnt. Jetzt werden vierte Versuche häufiger ausgespielt. Das ist doch viel aufregender. 

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Statistiken den Sport besser machen? 

Riske: Ich denke, 100 Prozent.