Morgens ist Sebastian Vollmer stets auf Nummer sicher gegangen. Als der Rheinländer, mittlerweile 35 Jahre alt und im Sportlerruhestand, noch in der US-amerikanischen National Football League (NFL) für die New England Patriots spielte, war er tagein, tagaus mindestens zwei Stunden früher auf dem Trainingsgelände als seine Kollegen. "Ich hatte immer die Grundeinstellung: Ich kann mehr und härter arbeiten als alle anderen", sagt Vollmer.

Nur das Auto eines anderen stand zu unchristlicher Zeit längst auf dem Parkplatz, wenn Vollmer mit seinem Wagen vorfuhr: das von Tom Brady, dem Quarterback, Superstar und Leader des Teams aus Boston. "Außerhalb des Spielfelds ist Tom ein liebenswürdiger Mensch, einer meiner besten Freunde", sagt Vollmer. Wenn es allerdings um American Football geht, brennen bei Brady regelmäßig die Sicherungen durch. "Dann ist er schlimmer als jeder Trainer: hartnäckig, unnachgiebig, besessen. Er schreit, rastet aus, freut sich, er lebt die Höhen und Tiefen eines Spiels", sagt Vollmer.

An diesem Wochenende war davon nichts, aber auch gar nichts mehr zu sehen. Da saß Brady versteinert an der Seitenlinie. Wer es nicht besser wusste, hätte auf die Idee kommen können, das TV-Bild sei plötzlich eingefroren. So emotionslos wirkte der 42-Jährige – und das hatte einen plausiblen Grund: Durch die 13:20-Niederlage gegen die Tennessee Titans zum Auftakt der NFL-Play-offs 2020 verpasste der Rekordmeister New England zum ersten Mal seit elf Jahren den Einzug unter die acht besten Teams, die nun am kommenden Wochenende die diesjährigen Halbfinalisten ermitteln werden.

Das frühe Aus der Patriots war eine mittelgroße Sensation, die im footballverrückten Amerika für allerlei Aufregung sorgte: Die erfolgreichste Footballmannschaft der vergangenen zwei Jahrzehnte war mit acht Siegen in die Saison gestartet und hatte ihre Gegner dabei teilweise überrollt. In den vergangenen neun Wochen reichte es dann nur noch zu vier Siegen bei fünf Niederlagen, die mit Abstand bitterste am Samstag eben gegen Tennessee.

Das Spiel war gerade vorbei, da begann in den Vereinigten Staaten eine Debatte, die Sportfans und Experten schon häufiger vergeblich geführt haben: Ist das jetzt das Ende einer Ära, wie sie die NFL noch nicht gesehen hat? Bricht das bewährte System der Patriots mit Brady und Belichick als zentralen Bausteinen in der achtmonatigen Pause bis zum Saisonstart im September zusammen? Und hängt Brady, neben dem Basketballer LeBron James der bekannteste Sportler der USA, seinen Footballhelm diesmal wirklich an den Nagel? Die Diskussionen und Spekulationen konnten beginnen.

Keine zwölf Stunden nach dem Play-off-Aus gab sich Bill Belichick in der ihm eigenen Kauzigkeit allergrößte Mühe, das Thema auf einer Pressekonferenz wegzumoderieren. "Tom Brady ist eine ikonische Figur unserer Organisation", sagte der Patriots-Coach. "Ich kann mir vorstellen, dass es viele Fragen zu seiner Zukunft gibt", ergänzte er, "aber darüber haben wir bisher noch nicht gesprochen." Brady selbst stufte die Chancen eines Rücktritts noch am Sonntagabend nach der Niederlage gegen die Titans als "ziemlich unwahrscheinlich" ein. Was hätte er im Eifer des Gefechts auch anderes zu Protokoll geben sollen?