Timo Werner blieb stehen, stützte die Arme in die Hüften, senkte den Blick. Soeben hatte er die Chance des Spiels vergeben. Christopher Nkunku rauschte der Abwehr keck davon, passte den Ball zu ihm in die Mitte, frei stand Werner vor Manuel Neuer, doch das ging daneben. Nicht mal knapp war es, ein, zwei Meter zielte er vorbei.

In diesem Moment Mitte der zweiten Halbzeit hätte Werner dieser Partie und dem Titelrennen der Bundesliga insgesamt besonderen Schwung geben können, doch offenbar stieg in dieser Szene sein Puls stark und schnell.

Auch ein Bayern-Spieler tauchte noch mal allein vor dem Tormann auf. Aus zwölf Metern schritt Leon Goretzka zur Arbeit, nach einer netten Kombination mit Robert Lewandowski. Goretzkas Schieber war genau, doch zu lasch. Péter Gulácsi war schnell unten und hielt. Goretzka ging vor Enttäuschung in die Knie und fasste sich an den Kopf.

Das Topspiel endete italienisch, 0:0, doch es war ein deutsches, also lebhaftes, wüstes Spiel, das hin und her wog und die Leute mitriss. Es lebte vom Gegensatz Technik (Bayern) gegen Dynamik (Leipzig). Bisweilen war es aber auch schwer anzusehen, weil den Kreativen und Offensiven nichts Besonderes glückte. Am meisten überzeugten die beiden Tormänner.

In jedem Fall war es ein Duell der verpassten Chancen, nicht nur, weil niemand an diesem Abend ein Tor erzielte. Leipzig hätte sein erstes Tor im vierten Spiel in München machen und die jüngst verloren gegangene Tabellenführung zurückerobern können. Immerhin hat RB die Abwärtsbewegung der letzten Spiele gestoppt.

Und der FC Bayern hätte nach der Niederlage der Dortmunder einen Tag zuvor den zweiten großen Konkurrenten abgeschüttelt. So manch einer hatte nach den vielen jüngsten Erfolgen gar auf einen hohen Bayern-Sieg gesetzt. Ein Sieg hätte sich beinahe wie eine vorzeitige Meisterschaft angefühlt. Doch der FC Bayern hinterließ alles andere als einen unschlagbaren Eindruck.

Abenteuerliches Leipziger Passspiel

Die erste Halbzeit lief, wie viele erwartet hatten. Die Bayern zogen an, kamen rasch sehr nah ran ans Leipziger Tor. Goretzka hätte sie in Führung bringen können, Marcel Halstenberg konnte seinen Versuch gerade noch blocken. Als Robert Lewandowski eine Flanke Thomas Müllers am zweiten Pfosten erreichte, sprangen die Fans schon auf. Doch irgendwie schaffte es Dayot Upamecano, Leipzigs auffälligster Abwehrspieler, den Ball am Pfosten vorbeizulenken.

Die Elf Julian Nagelsmanns war fast schon wie gehabt einem direkten Konkurrenten lange klar unterlegen. Sie stellten Barrikaden von Menschen vor ihren Strafraum. Defensiv ausgerichtet waren sie im Spielaufbau plan- und hilflos, ihr Passspiel sah abenteuerlich aus. Ein Auftritt, als wären sie beim falschen Frisör gewesen.

Am sichtbarsten wurde dies, als Konrad Laimer einen Konter einleiten wollte und Dani Olmo nicht in den Fuß spielte, sondern steil schickte. Der wurde dann vom viel schnelleren Alphonso Davies einfach abgelaufen. Überhaupt passte das mit dem technisch veranlagten Spanier, der sich in der Winterpause Leipzig angeschlossen hatte, und den anderen stürmischen Leipzigern an diesem Tag überhaupt nicht. Da trafen verschiedene Fußballkulturen aufeinander. Ringo Starr hätte bei Motörhead sicher auch gefremdelt.