So erlebt man Schiedsrichter selten. Schalke gegen Gladbach, Eröffnungsspiel der Bundesliga-Rückrunde, die Fußballwelt schaut zu, doch diese Szene hat sie an diesem Januarabend nicht mitbekommen. "Raman, komm mal mit!", sagt Deniz Aytekin zum Schalker Stürmer Benito Raman, der genau weiß, was der Schiedsrichter meint: die zurückliegende Situation, als Raman abseits des Balls einen Gladbacher stieß. "Das machst du nicht mehr, okay?", sagt der Schiedsrichter und wartet die Antwort des Spielers gar nicht ab. "Sonst muss ich dich Gelb machen."

Karte, Pfiffe, Fette Bässe, die ARD-Dokumentation, die am Dienstagabend lief und die man nun in der Mediathek anschauen kann, ermöglicht den Zuschauerinnen und Zuschauern Einblicke. Es sind Eindrücke aus dem regen Funkverkehr des Schiedsrichterteams und den Dialogen Aytekins mit den Spielern auf dem Platz.

Das filmische Porträt des deutschen Schiedsrichter des Jahres liefert auch einen, womöglich unfreiwilligen, Beitrag zu einer aktuellen Debatte: Der DFB hat praktisch über Nacht beschlossen, eine neue Linie vorzugeben. Demnach sollen Schiedsrichter Spieler härter und schneller sanktionieren, wenn die sich respektlos Gegnern und vor allem Schiedsrichtern gegenüber verhalten.

Durch seine Arbeit auf dem Platz zeigt Aytekin: Um Spieler und Trainer auf dem Platz wenigstens halbwegs zu mäßigen, muss man sie nicht nur bestrafen. Man kann auch anders mit ihnen umgehen, etwa einfach mal zurückschimpfen.

In der Bundesliga sind Spitzbuben unterwegs. In Karte, Pfiffe, Fette Bässe ist es der Wolfsburger Wout Weghorst, der mit den üblichen Opfergesten und Meckerposen Aytekin zu beeinflussen versucht. Auch die Manager spielen ihre Spiele. Nach dem Abpfiff der Partie Leipzig gegen Wolfsburg kommt Jörg Schmadtke in Aytekins Kabine und tut so, als wolle er einen Dialog mit ihm führen. Doch Schmadtke will ihn offensichtlich nur bequatschen, ist an Aytekins Antworten nicht interessiert. Und Gladbachs Max Eberl ist nicht so unschuldig, wie er sich vor dem Schiriteam präsentieren möchte.

"Kommst du noch einmal, dann kriegst du was!"

In diesem Raubtiergehege behauptet sich Aytekin, der seit ein oder zwei Jahren mit Manuel Gräfe zu Deutschlands besten Schiedsrichtern zählt. Er ist kompetent und professionell, vor allem kann er Konflikte moderieren, deeskalieren, er beherrscht das Spielmanagement. So nimmt er einmal Lars Stindl zur Seite, bevor er ihm Gelb zeigt. "Ich muss es machen", sagt Aytekin, "ich muss." Der Spieler verdreht ein wenig die Augen – und schluckt die Strafe.

Als sich Weghorst in den Weg stellt, teilt Aytekin ihm mit: "Was willst du von mir? Geh weg hier!" Beide, je 1,97 Meter hoch, stehen für einen Moment Kopf an Kopf. Aytekin weicht nicht. In einer späteren Situation schreit er ihn sogar an: "Kommst du noch einmal, dann kriegst du was!" Kurz darauf fängt die Kamera einen Handshake und ein Lächeln zwischen den beiden ein.