Zwischen gut gemeint und gut gemacht klafft oft eine Lücke. Manchmal ist sie klein, manchmal groß. Manchmal passt lediglich eine Gelbe Karte dazwischen, manchmal viele, viele Fußballfelder. Die neue Regelauslegung, Meckereien und andere Unflätigkeiten härter zu bestrafen, gehört in letztere Kategorie. Eine gute Idee, aber die Umsetzung ist nicht durchdacht.

Der Erste, der das Problem zu spüren bekam, war Mönchengladbachs Stürmer Alassane Pléa. Kein Tor oder kein schöner Pass war die meistdiskutierte Szene des vergangenen Spieltags, sondern sein Gang in die Kabine. Pléa bekam für seine anhaltende Motzerei über ein angeblich nicht gegebenes Foul eine Gelbe Karte und schließlich, Sekunden später, noch eine. Gelb-Rot also, die Partie war nach 60 Minuten für ihn beendet. Und damit leider auch ein Spitzenspiel auf Augenhöhe. Leipzig glückte kurz vor Schluss der Ausgleich. Nicht unwahrscheinlich, dass das Spiel, auf das sich an diesem Wochenende so viele gefreut hatten, ohne den Platzverweis anders gelaufen wäre.

Die Emotionen? Kein Argument

Prompt bildeten sich in der Fußballrepublik zwei Lager. Das erste wurde angeführt vom Sky-Experten Lothar Matthäus, der sich noch während der Liveübertragung des Spiels in Rage redete: "Wo soll man die Emotionen verstecken? Wir wollen doch Emotionen auf dem Platz sehen. Dann sollen alle an der Konsole spielen, dann lassen wir die Emotionen." Selbst der gegnerische Trainer Julian Nagelsmann sagte sinngemäß, in solch einem wichtigen Spiel hätte der Schiedsrichter Tobias Stieler die Rote Karte ruhig stecken lassen können.

Die anderen verwiesen auf den Grundgedanken der Regelverschärfung: "Auf Amateurfußballplätzen werden Schiedsrichter körperlich attackiert. Die Hemmschwelle sinkt. Wir müssen ein Zeichen setzen", sagte Stieler selbst. Die Amateure würden sich das aggressive Verhalten von den Profis abschauen, deswegen würden ganz oben nun Zeichen gesetzt. "Ich hoffe sehr, dass schnellstmöglich ein Umdenken stattfinden wird", sagte Stieler. Der Schiri als Erzieher.

Auch wenn es ein wenig zu einfach argumentiert ist, dass im Amateurfußball Schiedsrichter geschlagen, weil sie in der Bundesliga angebrüllt werden – prinzipiell ist es natürlich keine schlechte Idee, das Motzen und Keifen der Profifußballer einzudämmen. Tatsächlich werden Schiedsrichter in keiner anderen Sportart so respektlos angegangen wie im Fußball. Ein Problem, ja. Aber die Emotionen? Kein Argument. Sollte die Kernemotion des Fußballs wirklich darin bestehen, dass Fußballer den Schiris ins Gesicht schreien, dann sollten wir den Sport besser sein lassen.

Gerne also her mit einer Regelverschärfung, aber: Das Wie ist entscheidend. Im konkreten Fall war die Entscheidung zu hart. Pléas Gesten waren nicht aggressiv, sondern höchstens abfällig, er war schon dabei, sich von Stieler zu entfernen, herunterzufahren. Dafür einen Platzverweis zu verhängen, deutet darauf hin, dass da jemand besonders eifrig die neue Regelauslegung umsetzen wollte. Übereifrig.

Selbst bei heftigen, wirklich bestrafenswerten Meckereien sollte das vielzitierte Fingerspitzengefühl nicht einfach nur als Phrase abgetan werden, weil es die volkstümliche Formulierung für das Verhältnis zwischen Vergehen und Strafe ist. Wie in der normalen Rechtsprechung auch müssen beide in einem gesunden Verhältnis stehen, um akzeptiert zu werden. Dass maßvolle Beschwerden von Spielern, die ja hin und wieder auch inhaltlich berechtigt sind, zu einem Platzverweis führen und somit den Ausgang eines Spitzenspiels beeinflussen und, wer weiß, am Ende vielleicht auch die Meisterschaft, ist einfach eine Spur zu viel.