Der Radikale und der Vernünftige – Seite 1

Die Sonne Kaliforniens und der Pazifische Ozean flirteten miteinander, Jürgen Klinsmann und Michael Preetz taten es ihnen gleich. Damals, vor Ewigkeiten, im vorigen Sommer, verstanden sich die beiden noch sehr gut. Preetz und Hertha BSC waren auf einer Promotiontour an der amerikanischen Westküste – dort, wo Klinsmann seit dem Ende seiner aktiven Karriere lebt. Preetz suchte nach der Trennung von Pal Dardai einen Trainer, und obwohl er dachte, dass das mit Klinsmann nicht realistisch ist, wagte er einen Vorstoß. Wie er es in den Monaten und Jahren zuvor immer mal wieder versucht hatte.

Zu dieser Zeit ahnten Preetz und Klinsmann nicht, dass sie bald in der Konstellation Manager-Trainer zusammenarbeiten würden. Und schon gar nicht, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit als Rivalen gegenüberstehen würden.

Zeitungen schrieben zu Beginn von Klinsmanns Amtszeit, dass er ein Statthalter des neuen Investors Lars Windhorst sei. Doch das war zu Beginn nur die halbe Wahrheit. Auch Preetz war ein großer Befürworter Klinsmanns. Als er ihn am 27. November als Nachfolger des entlassenen Ante Čović stolz präsentierte, wirkte er zum vielleicht ersten Mal in seiner gut zehnjährigen Zeit als Manager rundum zufrieden. Er, den viele als spröde und profillos wahrnahmen, hatte Hertha zu einem Coup verholfen. Der graue Hauptstadtklub und der Weltmann aus den USA – über Hertha wurde plötzlich geredet.

Das Verhältnis zwischen Preetz und Klinsmann war schon zuvor lange gut gewesen. Klinsmanns Sohn Jonathan durfte bei der Hertha von 2017 bis 2019 eine Ausbildung genießen, und im Klub gab es einige, die dies nicht unbedingt auf das Talent des jungen Torwarts zurückführten. Klinsmann war während dieser Zeit oft zu Gast in Berlin, mit den Verantwortlichen des Vereins ging er essen.

Alles schien gut. Doch nach der Anstellung als Trainer musste Preetz sehr bald feststellen, dass Klinsmann in dieser Funktion deutlich fordernder und unbequemer ist denn als Vater auf der Tribüne. Bei der Zusammenstellung seines Stabes duldete er keine Kompromisse. Langjährige Vereinsmitarbeiter wie der Torwarttrainer Zsolt Petry oder der Athletiktrainer Henrik Kuchno mussten gehen oder wurden ins zweite Glied degradiert. Stattdessen verpflichtete Klinsmann für vier Wochen den Bundestorwart-Trainer Andreas Köpke.

Verträge hielt Klinsmann nicht für wichtig

Preetz, der daran mitgewirkt hatte, dass sich Hertha intern zu einem familiären Klub mit vielen ehemaligen Spielern in verantwortlichen Funktionen entwickelte, nickte zunächst alles ab. Die Geschassten rief er an und entschuldigte sich. Auf der anderen Seite hatte er, was er wollte. Hertha, die uralte Dame, war sexy geworden. Kamerateams drängten sich auf dem Trainingsgelände und die Prominenten trugen Hertha-Dienstkleidung.

Klinsmann wurde seinem Ruf gerecht. Er begann, den Verein auf den Kopf zu stellen, wie er es in seiner Zeit als Trainer der Nationalmannschaft mit dem DFB getan hatte. Er machte, was er wollte und wann er es wollte.

Hertha-BSC - Jürgen Klinsmann gibt Gründe für Rücktritt Der ehemalige Hertha-Trainer bemängelte eine unklare Kompetenzverteilung zwischen ihm und dem Clubmanager. Die Vereinsführung schließt eine weitere Zusammenarbeit aus. © Foto: GettyImges

Wenn Preetz öffentlich sagte, Hertha wolle trotz der Millionen von Windhorst sukzessive wachsen, sprach Klinsmann von Meisterschaft und Champions League. Das seit Monaten feststehende Trainingslager in Florida stellte Klinsmann infrage, er wollte lieber nach Spanien. Verträge und Zusagen an Sponsoren sowie Testspielpartner missachtete er. Öffentliche Trainingseinheiten wollte er nach englischem Vorbild auf ein Minimum reduzieren. Doch als der Verein ihm entsprach und verkündete, dass in Zukunft nur noch die ersten zwanzig Minuten zugänglich sein würden, sprach Klinsmann von einem Missverständnis. Er sei falsch verstanden worden. Vielleicht fürchtete er, für diese unpopuläre Maßnahme in Verantwortung genommen zu werden.

Herthas Pressesprecher entschuldigte sich für Klinsmann

Intern wussten bald viele nicht mehr, woran sie bei Klinsmann waren. Entsprechende Reaktionen folgten, und Klinsmann hatte nicht viele Verbündete. Als erste Spieler ihre Unzufriedenheit äußerten, griff die Presseabteilung entgegen den branchenüblichen Gepflogenheiten nur halbherzig ein. Im Trainingslager ignorierte Klinsmann die Journalisten, Herthas Pressesprecher entschuldigte sich hinterher bei ihnen.

Klinsmann redete schon, aber nur mit den Fans im Facebook-Chat oder mit der Bild-Zeitung – und dann am liebsten über die großen Ziele, die der Big-City-Club Hertha nun verfolge. Hertha steckte im Abstiegskampf, Klinsmann sprach von Mailand und Madrid.

Preetz wirkte in dieser Zeit wie der einzig Vernünftige der Hertha. Mit Unbehagen verfolgte er, wie aus dem Verein Hollywood wurde. Klinsmann krempelte die Mannschaft um, langjährige Stützen wie Vedad Ibišević, Salomon Kalou oder Ondrej Duda degradierte er oder schickte sie weg. Das Trio hatte in der Vorsaison mehr als die Hälfte der Tore erzielt. Es schien, als wollte Klinsmann alle Personalentscheidungen der Zeit vor ihm in der Spree versenken. Er bestand darauf, dass Duda, dessen Vertrag Preetz im Sommer noch verlängert hatte, und der gerade erst verpflichtete Junioren-Nationalspieler Eduard Löwen im Winter weggeschickt wurden.

Aus Preetz‘ Unbehagen wurde Sorge. Auch weil die Spieler immer lauter protestierten. Arne Maier, der als größtes Talent der Berliner seit den Boateng-Brüdern gilt, lancierte ein Interview am Verein vorbei und verlangte nach einem Wechsel. Kalou sprach von mangelndem Respekt, beinahe jeden Tag gab es neue Schlagzeilen.

Klinsmann versuchte, alles wegzulächeln, und drängte auf teure Verstärkungen – die er auch bekam. Im Winter gab Hertha um die 80 Millionen Euro für neue Spieler aus, mehr als der FC Bayern oder Borussia Dortmund. Niklas Stark und Arne Maier hingegen waren aus Klinsmanns Sicht verzichtbar. Bei diesen Personalien kam es dann zum endgültigen Bruch mit Preetz. Für ihn sind das die beiden Fußballer, die das Gesicht der Hertha in der Zukunft sein sollen. Ihren Abschied verhinderte er eigenmächtig.

Nicht alles, was Klinsmann sagt, muss Preetz glauben

Längst musste sich Preetz eingestehen, dass sein einstiger Wunschtrainer zur Belastung, gar zur Gefahr wurde. Sportlich stabilisierte sich die Mannschaft zwischendurch, aber sie entwickelte sich nicht, was Klinsmann anders sah. Nach dem dürftigen 1:3 gegen Mainz ist Hertha wieder im Abstiegskampf. Entgegen der Absprache, nur bis zum Sommer Trainer zu sein, fand er immer mehr Gefallen an dem Gedanken, die Aufgabe langfristig zu übernehmen. Für Preetz war klar, dass es mit Klinsmann nicht über das Saisonende weitergehen kann.

Die Entscheidung, wie es weitergeht, nahm Klinsmann Herthas Manager ab, aber das Kapitel ist für den Klub nicht beendet. Klinsmann hat angekündigt, seine ursprüngliche Tätigkeit als Aufsichtsrat wieder aufzunehmen. Seit Lars Windhorst und seine Tennor-Holding-Gruppe Anteile an der Profiabteilung besitzen, gehören dem Investor vier von neun Sitzen im Aufsichtsrat. Einen davon bekleidet Klinsmann, ihm vertraut er nach wie vor.

Sollte es tatsächlich so kommen, birgt diese Konstellation großes Konfliktpotenzial, weil Klinsmann künftig nicht nur über die Geschicke bei Hertha BSC mitentscheiden darf, sondern auch über den Manager Michael Preetz. "Ich feuere niemanden", sagte Klinsmann der Bild-Zeitung nach seinem viel kritisierten Rücktritt. Den begründete er mit "dem fehlenden Vertrauen der handelnden Personen". Es ist nicht schwer, zu erraten, dass damit auch Preetz gemeint war. Die Probleme dürften nach Klinsmanns Rückzug nicht kleiner werden, vor allem für Preetz. Wenn die kurze Zeit von Jürgen Klinsmann in Berlin ihn eines gelehrt hat, dann, dass man nicht alles glauben muss, was er sagt.