Seine Stärken sind nicht mehr gefragt – Seite 1

Als sich Jürgen Klinsmann im Juli 2006 am Brandenburger Tor von mehr als einer halben Million Menschen feiern ließ, schien der Fußballnationaltrainer mit dem netten Lächeln das Land zu regieren – und dies ist allenfalls ein bisschen übertrieben. Man muss sich noch mal in Erinnerung rufen: Vor dem Turnier hatten sich manche Zeitungsberichte so gelesen, als sollte die Klinsmann-Elf am besten gar nicht erst zur Weltmeisterschaft antreten. Zu schlecht sei sie.

Dann erreichte sie mit offensivem Fußball das Halbfinale und scheiterte dort nur knapp. Klinsmann hatte seine Gegner, von denen es schon damals viele gab, überzeugt. Alle wollten nun, dass er bleibt. Doch Klinsmann ging zurück nach Amerika, nicht wenigen gestandenen Fans kamen die Tränen.

Im Februar 2020, nur ein paar Kilometer westlich, sagt Lars Windhorst, der Investor von Hertha BSC, Klinsmanns Verhalten sei "unakzeptabel", er habe "viel an Glaubwürdigkeit verloren". Klinsmann ist zwei Tage zuvor als Trainer des abstiegsgefährdeten Vereins zurückgetreten. Mitgeteilt hat er es auf seiner Facebook-Seite, spontan, ohne Abstimmung mit einem der Verantwortlichen. Eine "Kurzschlusshandlung" sagt Windhorst, "die man vielleicht als Jugendlicher machen kann, aber nicht als Erwachsener, in einer Geschäftsbeziehung mit Vereinbarungen".

Windhorst hat sehr viel Geld in den Verein investiert, aber er scheint nicht mal böse, als er dieses vernichtende Urteil spricht. Er redet und schaut wie ein Vater, der um Nachsicht für seinen unreifen Sohn bittet, dem er am besten das Handy weggenommen hätte. Klinsmann bereue die Entscheidung, ihm tue es Leid, sagt Windhorst. Wieder wird Klinsmann gehen, denn auch Aufsichtsrat, verkündet Windhorst, wird er nicht mehr sein. Doch diesmal wünscht sich wohl niemand Klinsmann zurück.

Ausnahmesituation 2006

Einst lag ihm ein ganzes Land zu Füßen. Heute nimmt ihn nicht mal mehr Herthas Investor, der selbst von der Branche skeptisch betrachtet wird, ernst. Jürgen Klinsmann, das Gesicht des Sommermärchens, hat seinen Ruf geschädigt, wenn nicht gar zerstört.

Nun fragt sich vielleicht mancher, wie dieser Klinsmann überhaupt Erfolg haben konnte, damals, 2006. Dazu muss man auf die Ausnahmesituation zurückblicken, als er 2004 nach einem initiativen Interview in der Süddeutschen Zeitung die Nationalmannschaft übernahm. Kurz zuvor war sie bei der EM in Portugal sieglos in der Vorrunde rausgeflogen. Die Folgen waren, nicht unüblich im deutschen Fußball, Alarm und Hysterie. Manche fürchteten bei der anstehenden Heim-WM eine Blamage. Klinsmann, der schon als Stürmer mutig und leidenschaftlich aufgetreten war, sagte: "Ich will Weltmeister werden."

"Nach sechs Wochen wussten wir: Es geht nicht mit Klinsi"

Sein Optimismus tat der Mannschaft gut. Noch wichtiger waren die strukturellen Dinge, die Klinsmann im Verband gegen enorme Widerstände durchsetzte. Klinsmann unterband, dass Funktionäre noch an Spieltagen mit der Mannschaft speisten. Er engagierte Fitnesstrainer aus den USA und andere Experten. Plötzlich wurden Trainingseinheiten in der Nationalmannschaft vorbereitet. Klinsmann hat aus einem Tante-Emma-Laden ein modernes Kaufhaus gemacht, und die Spieler dankten es ihm.

Sportlich wackelte die Klinsmann-Elf lange, drei Monate vor der WM verlor sie ein Testspiel in Italien 1:4. Es war eine Vorführung, die Spieler wurden als Pizzabeilagen verspottet, Klinsmann stand kurz vor dem Rauswurf. Ein Hinterbänkler der FDP wollte ihn in den Bundestag vorladen, damit er sein Konzept erklärt.

Als die WM 2006 begann, schien plötzlich die Sonne, auch über der deutschen Elf. Getragen von einem euphorischen Publikum, besiegte die Mannschaft Costa Rica, Polen, Ecuador und Schweden, im Viertelfinale in Berlin warf sie Argentinien im Elfmeterschießen raus. Im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Italien war sie in der Verlängerung zwar chancenlos, erwies sich aber als fairer Verlierer, als "Weltmeister der Herzen". Deutschland und seine Fußballmannschaft haben sich einen Monat lang geküsst in dieser unbeschwerten Zeit.

"Wir Spieler mussten besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten"

Seine sportliche Bilanz sagte jedoch nicht viel aus über Klinsmanns Qualität als Trainer. Obgleich es damals viele gab, die, weil sie ihre eigene Emotion mit einem fachlichen Urteil verwechselten, ihm diese zusprachen. Doch nur zum Vergleich: Bei der WM zuvor hatte Rudi Völler mit Deutschland sogar das Finale erreicht. Und dass die Atmosphäre einen Gastgeber ins Halbfinale tragen kann, hatte schon der Fußballzwerg Südkorea 2002 bewiesen.

Es gibt nicht wenige, die sagen, dass Klinsmanns Rücktritt damals eine Fehlentscheidung war. Es gibt aber keinen, der sagt, dass es richtig von ihm war, Bayern München im Jahr 2008 zu übernehmen. Einen Spitzenverein zu leiten, verlangt eine feinere und kontinuierlichere Detailarbeit als der Job des Nationaltrainers, der eher dem eines Projektmanagers gleicht.

Klinsmann überhob sich. Noch während seiner ersten Saison in München wurde er entlassen. Später schrieb Philipp Lahm: "Nach sechs Wochen wussten wir: Es geht nicht mit Klinsi. Taktische Belange kamen zu kurz. Wir Spieler mussten uns selbstständig zusammentun, um vor dem Spiel zu besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten." Als Nationaltrainer der USA (2011 bis 2016) erzielte Klinsmann durchschnittliche Ergebnisse.

Klinsmann wird in der Bundesliga nur noch schwerlich einen Job finden

Lars Windhorst, der sich selbst als Fußballlaie bezeichnet, hatte die Zweifel an Klinsmann überhört, als er ihn erst als sportlichen Berater, dann als Aufsichtsrat in Berlin engagierte, wo er sodann Trainer wurde. Klinsmann, der sich gut verkaufen kann und über großes Selbstvertrauen verfügt, sprach von der Champions League, vom "spannendsten Fußballprojekt Europas", von Augenhöhe mit Bayern München. Auf Kosten von anderen forderte er Befugnisse, als hätte er fünf Meisterschaften in drei verschiedenen Ländern gewonnen.

Doch um einen Verein wie Hertha BSC in die Champions League zu führen, braucht es tiefe Kenntnisse auf dem Trainingsplatz und Erfahrungen in der Kaderplanung. Solche hat Klinsmann nie bewiesen und gemacht. Die Spieler, die Hertha unter Klinsmann mit vielen Windhorst-Millionen gekauft hat, bestätigen eher die Zweifel. Klinsmanns tatsächliche Stärken hingegen sind in Berlin gar nicht gefragt. Heutige Bundesliga-Vereine verfügen bereits über eine gute Infrastruktur und Organisation, auch dank ihm, was seinem Sturz eine tragische Note verleiht.

Seine Skeptiker fühlen sich von seinem Scheitern nun bestätigt. Seine Sympathisanten, von denen es noch immer viele gab, sind von seinem stillosen Abgang enttäuscht, bei dem er den Eindruck vermittelte, dass ihm Hertha BSC egal ist. Auf dem Platz durfte er ein Einzelkämpfer sein, seine beste Leistung zeigte er im WM-Achtelfinale 1990 gegen Holland, als sein Nebenmann Rudi Völler vom Platz gestellt war. Als Führungskraft jedoch sollte man seinen Egoismus bändigen, der Kapitän geht nicht zuerst von Bord.

In den jüngsten Tagen hat Klinsmann einiges gesagt und geschrieben, das an ihm haften wird, weil es unbeabsichtigt komisch wirkt. "HaHoHe Euer Jürgen" stand unter seiner Rücktrittserklärung – ein durchschaubarer Trick, um Verbundenheit mit den Hertha-Fans vorzutäuschen. Und unter den Bedingungen in Berlin "kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen". Divenhafter geht es kaum.

Klinsmann wird in der Bundesliga nur noch schwerlich einen Job finden, wenn er diesen überhaupt anstrebt. Doch bleibt dennoch etwas von ihm. Zu würdigen ist sein historisches Verdienst, einen ehedem vorsintflutlichen DFB in die Moderne geführt zu haben. Davon zehren der Verband und der deutsche Fußball noch heute, auch von Klinsmanns Ideen, sich externes Wissen einzuholen.

Und auch wenn er 2014 auf der zweiten großen Feier der deutschen Elf am Brandenburger Tor nicht dabei war – ein bisschen ist auch er, der nun Hohn und Empörung erntet, damals Weltmeister geworden.