Sein Optimismus tat der Mannschaft gut. Noch wichtiger waren die strukturellen Dinge, die Klinsmann im Verband gegen enorme Widerstände durchsetzte. Klinsmann unterband, dass Funktionäre noch an Spieltagen mit der Mannschaft speisten. Er engagierte Fitnesstrainer aus den USA und andere Experten. Plötzlich wurden Trainingseinheiten in der Nationalmannschaft vorbereitet. Klinsmann hat aus einem Tante-Emma-Laden ein modernes Kaufhaus gemacht, und die Spieler dankten es ihm.

Sportlich wackelte die Klinsmann-Elf lange, drei Monate vor der WM verlor sie ein Testspiel in Italien 1:4. Es war eine Vorführung, die Spieler wurden als Pizzabeilagen verspottet, Klinsmann stand kurz vor dem Rauswurf. Ein Hinterbänkler der FDP wollte ihn in den Bundestag vorladen, damit er sein Konzept erklärt.

Als die WM 2006 begann, schien plötzlich die Sonne, auch über der deutschen Elf. Getragen von einem euphorischen Publikum, besiegte die Mannschaft Costa Rica, Polen, Ecuador und Schweden, im Viertelfinale in Berlin warf sie Argentinien im Elfmeterschießen raus. Im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Italien war sie in der Verlängerung zwar chancenlos, erwies sich aber als fairer Verlierer, als "Weltmeister der Herzen". Deutschland und seine Fußballmannschaft haben sich einen Monat lang geküsst in dieser unbeschwerten Zeit.

"Wir Spieler mussten besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten"

Seine sportliche Bilanz sagte jedoch nicht viel aus über Klinsmanns Qualität als Trainer. Obgleich es damals viele gab, die, weil sie ihre eigene Emotion mit einem fachlichen Urteil verwechselten, ihm diese zusprachen. Doch nur zum Vergleich: Bei der WM zuvor hatte Rudi Völler mit Deutschland sogar das Finale erreicht. Und dass die Atmosphäre einen Gastgeber ins Halbfinale tragen kann, hatte schon der Fußballzwerg Südkorea 2002 bewiesen.

Es gibt nicht wenige, die sagen, dass Klinsmanns Rücktritt damals eine Fehlentscheidung war. Es gibt aber keinen, der sagt, dass es richtig von ihm war, Bayern München im Jahr 2008 zu übernehmen. Einen Spitzenverein zu leiten, verlangt eine feinere und kontinuierlichere Detailarbeit als der Job des Nationaltrainers, der eher dem eines Projektmanagers gleicht.

Klinsmann überhob sich. Noch während seiner ersten Saison in München wurde er entlassen. Später schrieb Philipp Lahm: "Nach sechs Wochen wussten wir: Es geht nicht mit Klinsi. Taktische Belange kamen zu kurz. Wir Spieler mussten uns selbstständig zusammentun, um vor dem Spiel zu besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten." Als Nationaltrainer der USA (2011 bis 2016) erzielte Klinsmann durchschnittliche Ergebnisse.