Es gibt ein neues Phänomen in der Welt von heute. Auf sogenannten Fuckup-Nights sollen gescheiterte Gründerinnen und Gründer zeigen, was man durchs Verlieren lernen kann. Dort erzählen sie auf einer Bühne von ihren größten Pleiten. In der Regel haben die Gescheiterten zehn Minuten Zeit. Niederlagen entdämonisieren, darum geht es. In der Start-up-Stadt Berlin gibt es viele dieser Geschichten, die wohl beste trug sich jetzt im Hauptstadtfußballclub Hertha BSC zu.

Sie hat mit Jürgen Klinsmanns zu tun, der eine neue Hertha-Epoche ohne Limits begründen sollte, dessen Zeit als Cheftrainer nach gut zehn Wochen aber schon wieder vorüber ist. Es ist das größte Fuckup in einer an Fuckups reichen Stadt. Überraschend verkündete der frühere Bundestrainer am Dienstagmorgen seinen Rücktritt als Trainer, abgerundet mit dem schon jetzt klassikerfähigen Gruß: "HaHoHe, euer Jürgen." 

Der mutmaßliche Grund: Offenbar hatte Klinsmann auf eine Ansage gedrängt, wie es nach seinem Vertragsende im Sommer aussieht. Die Hertha-Bosse wollten die ihm aber nicht geben. Er könne sein Potenzial nicht ausschöpfen, schrieb er auf Facebook, wenn er das Vertrauen im Verein nicht spüre.

Vielleicht ist der Rücktritt auch mit Klinsmanns Faible für Statistik zu erklären. Vier Tage mehr und er hätte sich einen schönen Schnitt kaputtgemacht. Wenn die kursierenden Zahlen stimmen, gab er in 76 Tagen 80 Millionen Euro für neue Spieler aus. So offensiv ging nicht mal Paris Hilton zu ihren besten Zeiten mit der Kreditkarte um.

Hat er in den knapp drei Monaten nicht alles bekommen, was er wollte? Da ist sein Team, das er liebevoll-kalifornisch "seinen staff" nannte. Den im Verein beliebten Torwarttrainer Zsolt Petry hatte er durch Andreas Köpke ersetzt. Es war ein Coup, arbeitet Köpke eigentlich als Bundestorwarttrainer. Einen Monat lang hielt sich Köpke in Berlin auf, wo auch sein Sohn Pascal spielt, inzwischen sogar auch mal in der Startelf. Mittlerweile ist er wieder zurück beim DFB.

Bundesliga - Jürgen Klinsmann tritt bei Hertha zurück Die Spieler und Vereinsführung zeigten sich von dem Rücktritt per Facebook-Mitteilung überrascht. Hertha BSC kämpft in der Bundesliga derzeit gegen den Abstieg. © Foto: Reuters TV

Den Ex-Nationalspieler Arne Friedrich engagierte Klinsmann als "Performance Manager", eine Bezeichnung, die Neologisten stolz macht. Was er genau machen soll, ist nicht ganz klar. In der Winterpause erzählte Friedrich, wie viel man vom Training der US-Elitesoldaten möglicherweise mit ins Hertha-Coaching übernehmen könne.

Auch Herthas Teamgefüge ließ man Klinsmann reformieren. Der Kapitän Vedad Ibišević fand sich nur noch auf der Bank wieder, sein Stellvertreter Niklas Stark wurde im Dezember dreimal von Klinsmann nicht berücksichtigt. Um den Nationalspieler kamen zuletzt ebenso Wechselgerüchte auf, wie um Arne Maier, den Jugendnationalspieler. Und der dritte Kapitän, Marvin Plattenhardt, sagte noch kurz vor Weihnachten, wie fantastisch Klinsmann sei. In den vergangenen drei Bundesligaspielen wurde er aber ignoriert. Falls Klinsmann zeigen wollte, dass es ohne Hierarchien im Fußball nicht geht, waren diese zehn Wochen für ihn ein Erfolg.

Zudem geizte der Club, von Klinsmann als "spannendstes Projekt Europas" identifiziert, nicht. Er durfte in der Winterpause mehr Geld ausgeben als jeder andere Trainer. Der Rekordeinkauf, Lucas Tousart aus Lyon, knüpfte seine Verpflichtung an Klinsmanns Namen. Da er aber gekauft und direkt wieder nach Lyon zurückverliehen wurde, wird er Klinsmann nicht als Trainer kennenlernen. Steigt Hertha ab, kommt er im Sommer doch nicht.