Football ist ein Spiel, das man mit vollem Recht verachten kann, da es so gewalttätig ist. Weil es zugleich so langweilig sein kann, na ja, oft. Weil es auf nervtötende Weise durchkommerzialisiert ist.

Doch dann gibt es diese Nächte. Diese Geschichten, die ja doch nur der Sport schreibt. Diese Wendungen in Momenten, in denen alles schon entschieden schien. Diese Rührung und natürlich die Tränen, jene der Verlierer und die der Sieger.

Am Sonntag gewannen die Kansas City Chiefs in Miami den Super Bowl, die amerikanische Meisterschaft. Sie schlugen die San Francisco 49ers mit 31:20, und es war ein faszinierendes Spiel. Denn Kansas City führte früh, ließ dann aber 17 Punkte der 49ers in Serie zu – um mit 21 Punkten in gut fünf Minuten zu antworten. Ein Spektakel war diese Nacht von Miami, im sportlichen wie im ästhetischen Sinne.

Der Super Bowl ist ja das eine einende Ereignis, das dem in Trump-Verehrer und Trump-Verächter gespaltenen Amerika geblieben ist. Die USA sind zudem, viel mehr als Deutschland, längst eine Streaminggesellschaft, und Hunderte von Kabelsendern treiben diese Individualisierung voran. Super Bowl heißt noch immer: Amerika sieht fern.

Und Amerika vergisst, kollektiv.

Es vergisst, dass die National Football League (NFL) all die Erkenntnisse über Hirnschäden, die durch die vielen Kollisionen entstehen, vertuschen wollte. Dass die Liga noch immer rassistisch ist: Die Besitzer der Clubs sind weiß, nur drei Quarterbacks sind schwarz und Colin Kaepernick, einst der Spielmacher der 49ers, der während der Nationalhymne niederkniete, um gegen Rassismus zu protestieren, ist seit nunmehr zwei Jahren ohne Job, während die NFL all jene Spieler, die wegen Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt für ein paar Wochen gesperrt werden, stets flink integriert.

Die USA vergessen all das gern, für diesen einen Abend, weil der Super Bowl immer auch das größte popkulturelle Ereignis des Jahres ist. Die Halftime-Show gehört ja zwingend dazu, sogar die (diesmal 80) Werbespots gehören dazu, denn all dies macht das Gesamtereignis größer als die Oscars, viel größer.

Amerika feiert sich selbst, genießt sich selbst, das ist der Super Bowl. Bizarr war diesmal allerdings der Termin.

Zwei Tage zuvor hatte der Senat in Washington, D. C., die Anhörung von Zeugen im Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump verweigert und damit den Prozess beendet (auch wenn er offiziell noch bis zum Mittwoch andauern wird). Am Montag gibt es in Iowa die ersten demokratischen Vorwahlen und am Dienstag Donald Trumps State-of-the-Union-Rede.

Darum wurde dieser 54. Super Bowl auch zum politischen Ereignis: Fox übertrug das Spiel, also Rupert Murdochs Sender, der Trump bejubelt und stützt, und kurz vor dem Spiel durfte Sean Hannity, Trumps Berater und liebster Fox-Moderator, den Präsidenten interviewen.

Hannity war nett zu Trump, und Trump redete mitunter selbstgewiss und mitunter gekränkt. In den USA sei eine Revolution im Gange, sagte er, "ich meine, eine positive Revolution". Er nannte das Amtsenthebungsverfahren "sehr unfair" und die politischen Konzepte der Demokratin Elizabeth Warren "eine Märchenstunde"; für die anderen potenziellen Rivalen Joe Biden und Bernie Sanders fielen ihm die Worte "schläfrig" und "Kommunist" ein; Michael Bloomberg wiederum, der nicht allzu groß gewachsene Neueinsteiger im Präsidentschaftswahlkampf, habe für die TV-Debatten ein verstecktes Podest verlangt, behauptete Trump (Bloomberg dementierte wenige Minuten später).

Super Bowl - Kansas City gewinnt 54. Super Bowl Zum ersten Mal seit 50 Jahren haben die Kansas City Chiefs den Super Bowl gewonnen. Das Team drehte das Spiel gegen die San Francisco 49ers im letzten Viertel. © Foto: David J. Phillip/AP/dpa

Dann jedoch, glücklicherweise, ging es um Sport.

San Francisco begann nervös, ließ eine frühe Interception zu, einen durch Kansas City abgefangenen Pass. Der Quarterback der Kansas City Chiefs täuschte nur wenig später einen Wurf an und rannte doch selbst zum ersten Touchdown. 10:3 führte Kansas City, im ersten Viertel deutlich stärker, dann drehte sich das Spiel, bald stand es 10:10 und nun war Pause.

Shakira begann die Halftime-Show, im roten Kleidchen, rasant. Mit einem Strick deutete sie Fesselspielchen an und machte klar, dass sie und die Tänzerinnen um sie herum die Macht nicht abgeben würden, gewiss nicht an Männer. Sie sang She Wolf, Whenever, Wherever, Chantaje und Empire, dann, crowdsurfend, Hips Don’t Lie. Der Rapper Bad Bunny, Puerto Ricaner, trat für I Like It an Shakiras Seite.

Jennifer Lopez erschien und wand sich bei Waiting for Tonight wie ein Pornostar um eine Poledance-Stange: Ganz schön sexuell war das alles, rauschend choreografiert allerdings auch. Songs wie Jenny from the Block und On the Floor ließ Lopez folgen, schließlich Let's Get Loud, zusammen mit ihrer Tochter Emme Maribel Muñiz. Aus einer amerikanischen Fahne, in die Lopez jetzt gehüllt war, wurde die puerto-ricanische, dies waren die zwölf Minuten zweier Latinas im mehrheitlich hispanischen Miami.

"Muchas gracias", rief Shakira, "thank you very much", rief Jennifer Lopez, es war die erste Show, die der neuen Zusammenarbeit der NFL mit Jay-Z und dessen Firma Roc Nation entsprang. Sagen wir es so: Es gab schon jede Menge schlappere und peinlichere Pausen beim Super Bowl.