Der Pay-TV-Sender Sky wird also nun die Bundesliga gratis übertragen. Nicht alle Spiele, so weit geht der Großmut nicht, sondern nur die Samstagskonferenz und am Sonntag die Konferenz der Zweiten Liga. Der Chef der obersten Fußballligen, Christian Seifert, sagte, er sei "dankbar". Und weiter: "Die gesamte Gesellschaft und damit auch der Fußball befinden sich in einer Ausnahmesituation, die in allen Lebensbereichen eine besondere Flexibilität erfordert." Manchmal aber sollte es weniger um Flexibilität gehen als um Vernunft.

In einer Zeit, in der Messen, Konzerte, selbst private Partys abgesagt werden, in einer Zeit, in der weltweit eine Sportveranstaltung nach der anderen gestrichen wird, die NBA und die italienische Serie A und spanische La Liga ihre Saison unterbrochen und die Deutsche Eishockey-Liga die Spielzeit gar abgebrochen haben, in einer Zeit, in der immer neue positive Fälle aus der Sportwelt bekannt werden, nun muss auch Real Madrid in Quarantäne, ja in dieser Zeit versucht sich der deutsche Fußball irgendwie durchzuwurschteln. Spiele ohne Zuschauer, okay, aber auch nur weil die jeweiligen Gesundheitsämter keine Wahl gelassen haben. Eine einheitliche Regelung gibt es nicht. Aus Vernunft etwa den Anordnungen der Behörden zuvorzukommen auch nicht. Im Gegenteil: In Dirk Zingler vom 1. FC Union Berlin bewarb sich in dieser Woche gar ein Fußballpräsident um den Titel der unüberlegtesten Wortmeldung des Jahres: "Herr Spahn hat auch nicht empfohlen, dass BMW in Berlin die Produktion einstellt, also kann er uns auch nicht empfehlen, dass wir unseren Betrieb einstellen."

Der deutsche Fußball gibt gerade ein unwürdiges Bild ab. Geisterspiele können keine Lösung sein. Spieler, Trainer, Fans, selbst die Schiedsrichter fühlen sich mit ihnen unwohl. Geisterspiele sind wie Theateraufführungen ohne Publikum, wie eine Bar ohne Drinks. Wer Geisterspiele veranstaltet, hat das Spiel nicht verstanden. Sie sind zudem eine Einladung an die Unvernunft: Dass ein paar Hundert Mönchengladbachfans sich im Pulk vors leere Stadion gestellt haben, um ihre Lieder zu singen, mag purste Fußballromantik sein, stellt aber auch die Frage, wie wenig manche bisher verstanden haben.

Deswegen: einfach absagen, bitte. Einfach aufhören.

Es scheint doch sowieso nur eine Frage der Zeit. Der erste deutsche Profispieler wurde schon positiv getestet, Timo Hübers, Innenverteidiger von Hannover 96. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Wenn eine ganze Mannschaft in Quarantäne muss, ist an einen geregelten Spielbetrieb sowieso nicht mehr zu denken. In Daniele Rugani hat es auch einen Champions-League-Profi erwischt, der Verteidiger von Juventus Turin wurde ebenfalls positiv getestet. Wie viele seiner Teamkollegen nun isoliert werden, hat der Verein bislang nicht mitgeteilt. Am Wochenende wurde er noch feiernd inmitten der Spieler fotografiert. Eigentlich soll Juve am kommenden Dienstag in der Champions League spielen. Juves Gegner vom Wochenende, Inter Mailand, hat derweil angekündigt, den Spielbetrieb seiner Mannschaft vorerst einzustellen. Am Donnerstagmittag wurde zudem berichtet, dass Real Madrid seine Spiele in der spanischen Liga und Champions League abgesagt hat. Ein Spieler des Basketballteams hatte sich infiziert.

Das Argument, dass man keine Spiele verschieben könne, weil noch eine Europameisterschaft zu spielen sei, die man nicht verschieben könne, zieht in einer solchen Situation nicht. Die Szenarien liegen schon auf dem Tisch: Die EM findet ein Jahr später statt, im Sommer könnten die Clubs ihre Ligen zu Ende spielen. Und selbst wenn nicht: Wenn die Welt ein Virus verkraften will, muss sie auch mal eine Saison ohne Meister aushalten.

Eine klare Entscheidung würde auch Ruhe in die Debatte bringen. Die Frage, ob mit Zuschauern oder ohne, ob gar nicht oder doch, frisst im Vergleich zur Gesamtsituation unangemessen viel Aufmerksamkeit. Mit seinem Gewürge muss sich der Fußball den Vorwurf gefallen lassen, dass er sich zu wichtig nimmt. Sich und das Geld, das er einbringt und das zumindest teilweise weiter fließen muss.

Aber in diesen Tagen gibt es Wichtigeres. Ja, für einige Verein, gerade kleinere, könnte es hart werden. Hier ist die Solidarität der Großen gefragt. Wie überhaupt Solidarität das Gebot der Stunde sein sollte. Nicht nur im Fußball, aber auch da. Der Fußball jedenfalls könnte sich nun seiner gesellschaftlichen Verantwortung, die er so gerne in Sonntagsreden zitiert, stellen und, so simpel kann es sein: einfach mal die Füße stillhalten.