Wer ist eigentlich der beste Spieler der Welt? Die Frage mutet etwas seltsam an, da die Weltmeisterschaft ja alle zwei Jahre ausgespielt wird. Der Titelträger stellt sich einem Herausforderer, der bei einem Turnier qualifizierter Kandidaten ermittelt wird, wie jenem, das gerade in Jekaterinburg am Ural läuft, als vorerst letzte global wichtige Sportveranstaltung.

Weltmeister im siebten Jahr ist ein immer noch bübisch wirkender Mann aus Norwegen, Magnus Carlsen, der im November 30 wird. Drei Versuchen der Entthronung hat er standgehalten, seine Klasse ist unbestritten.

Schach wird aber auch, wie jeder andere Sport, im Reich des Konjunktivs gespielt. Was wäre wenn? Und wer sich im Reich des Vorstellbaren umschaut, erblickt sofort einen Spieler, der das Zeug zum Weltmeister hätte. Dieses Hätte verlangt natürlich nach einem Wenn, und so lautete der Satz in Gänze: … der das Zeug zum Weltmeister hätte, wenn er denn mal zöge.

Alexander Grischtschuk, 36, ist der älteste Teilnehmer des aktuellen Kandidatenturniers. Er startete einst als Wunderkind, spielt seit 21 (!) Jahren in der russischen Nationalmannschaft und kann jeden anderen Spieler schlagen. Magnus Carlsen hat er in verschiedenen Formaten schon insgesamt 24 Mal bezwungen; er weiß also, wie es geht.

Schachfans in aller Welt lieben den Russen von der schlaksigen Gestalt, der gern unrasiert und abgerissen vor sein Publikum tritt, wo er unwirsche Statements in die Mikrofone raunzt. Man weiß nicht immer, was man ihm glauben soll, aber man tut es nur zu gern. In Jekaterinburg wird er in einem Videointerview gefragt, was er an einem spielfreien Turniertag denn so mache, und er gibt zur Antwort, dass er dann gern morgens ins Museum gehe und abends ins Theater – was für einen Spitzensportler zwischen drei zurückliegenden und drei kommenden Spieltagen ein beachtliches Kulturpensum wäre. Aber wer, wenn nicht Grischtschuk?

Als er in der Hamburger Speicherstadt im vergangenen November den Grand Prix mitspielte, trat er während der Partien hinaus an den Fleet, um zu rauchen, was sich kaum noch ein Großmeister traut. Bis vor ein paar Jahren hat er mit Pokern Geld verdient. Dann aber, oder zwischendurch, hat er die ukrainische Schachgroßmeisterin Kateryna Lagno geehelicht; zu Hause haben sie inzwischen vier Kinder. Manchmal hörte man eines von hinten quieken, als er die WM 2018 vor seiner Moskauer Webcam kommentierte.

Grischtschuk steht im klassischen Schach auf Platz 4 der Weltrangliste bei den Herren, seine Frau auf Platz 5 bei den Frauen. Beide sind sie schon Weltmeister im Blitzschach gewesen, also in jener Disziplin, in der fünf Minuten Bedenkzeit für eine Partie reichen müssen.

Apropos … in der vierten Runde des Kandidatenturniers am Samstag sitzt Alexander Grischtschuk dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave gegenüber. MVL, wie er von allen genannt wird, gilt als Theoriespezialist. Mit Weiß spielt er die aggressive Spanische Eröffnung, wann immer er kann. Grischtschuk weiß das und verteidigt sich mit der Berliner Mauer, einer zähen, damenlosen Struktur, die kaum zu durchdringen ist. Achtzehn Züge spulen die beiden ab, sind immer noch in ihrer Vorbereitung. Dann, vor seinem neunzehnten Zug, versinkt Grischtschuk in tiefes Grübeln. Eine Stunde lang überlegt er an einem Zug, den sich die kommentierenden Meister im Netz schon nach einer Minute zugerufen haben: den Springer von f5 nach e7!

Der deutsche Großmeister Niclas Huschenbeth zeigt die Partie des Tages in seinem Schachvideo: Maxime Vachier-Lagrave gegen Alexander Grischtschuk.

Grischtschuk muss diesen Zug kennen. Er hat ihn daheim bestimmt schon stundenlang oder tagelang untersucht. Aber jetzt, während der Partie, möchte er ihn noch einmal überdenken. Oder? Man weiß es nicht.