Acht Kandidaten treten an mit nur einem Ziel: Erster zu werden und somit das Recht zu erringen, den Weltmeister Magnus Carlsen zum Kampf um die Schachkrone herausfordern zu dürfen. Alle acht sind ausgewiesene Großmeister, die sich auf unterschiedlichen Wegen zur Teilnahme an diesem Turnier qualifiziert haben. Jeder von ihnen könnte siegen, theoretisch.

Praktisch sieht es etwas anders aus. Die deutsche Zeitschrift Schach hat in ihrer Märzausgabe 64 internationale Experten gefragt: "Wer fordert Magnus Carlsen?" In die Beantwortung dieser Frage gehen neben den objektiven Turniererfolgen auch zugemessene Eigenschaften ein wie Ideenreichtum, Durchschlagskraft, Zähigkeit, Bekanntheit, Potenzial und nicht zuletzt Sympathie.

Das Ergebnis der Umfrage lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Der Italoamerikaner Fabiano Caruana bekommt 35 Stimmen, der Chinese Ding Liren 17. Keiner der anderen sechs Kandidaten wird mehr als viermal genannt. Damit wäre ja dann eigentlich alles klar. Wozu noch spielen?

Kaum wird nun aber gespielt, ist die Umfrage schon Makulatur. Denn der Zweitfavorit Ding Liren vertut sich in der ersten Runde in guter Stellung und verliert mit Weiß gegen seinen Landsmann Wang Hao – wohl niemand hatte das erwartet. Und dann, am Mittwoch, in der zweiten Runde mit den schwarzen Steinen, wird Ding im Mittelspiel vom Franzosen Maxime Vachier-Lagrave geradezu überfahren.

Der deutsche Großmeister Niclas Huschenbeth zeigt in seinem Kommentarvideo den Sieg von Maxime Vachier-Lagrave gegen Ding Liren.

Mit zwei Niederlagen in ein Turnier von 14 Runden zu starten – das ist hart, sehr hart. Danach muss man sein Nervenkostüm erst einmal konsolidieren, das Selbstvertrauen zurückgewinnen, bevor die Aufholjagd beginnen kann, und ob es dann am Ende noch zu einem Gesamtsieg reichen wird, scheint fraglich zu sein. Das verlangte eine Bärenstärke, die bis jetzt ja gerade schmerzlich fehlt.

Ding Liren, 27, ist kein Mann, dem seine Bärenstärke anzusehen wäre. Ein schmales Hemd, schüchtern, bescheiden, geradezu zurückgenommen. Aber vor zwei Jahren  brachte er das Kunststück fertig, 100 Partien in Folge ungeschlagen zu bleiben. Als erster Spieler aus China überhaupt trat er 2018 in Berlin beim Kandidatenturnier an und wurde ungeschlagen Vierter. Vergangenen August gewann er das Superturnier im amerikanischen St. Louis, in dem er Magnus Carlsen im Stechen bezwang, was bis dahin noch niemandem gelungen war.

Sieht man Ding jetzt in Jekaterinburg, ist sein Spiel kaum wiederzuerkennen. Was ist los, Ding Liren?

Der Einbruch könnte mit den widrigen Umständen dieses Turniers zu tun haben. Virusbedingt treten die acht Spieler unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen an. Ding wurde Anfang Februar in seiner Heimatstadt Wenzhou im Südosten Chinas vom Corona-Ausbruch überrascht. Über die 9-Millionen-Metropole wurde eine Ausgangssperre verhängt, und er saß mit seinen Eltern tagelang in der gemeinsamen Wohnung fest. "Heute bin ich die Treppe runtergegangen und ums Haus gegangen, aber nicht auf die Straße", zitierte ihn damals die amerikanische Schachwebseite chess.com. "Um auf die Straße zu gehen, musst du die Hausverwaltung informieren, und deine Temperatur wird gemessen." An ein Trainingslager mit Sekundanten war nicht mehr zu denken. Alles musste online geschehen. Homeoffice.