Manchmal, fast nie, ist das Schach der großen Meister so, wie es die kleinen Meister, die zu Hause mit ihren Liebsten spielen, sich erträumen: wilde Verwicklungen, kühne Opfer, Mattdrohungen sonder Zahl. Schach als atemlose Verfolgungsjagd und Variantenthriller mit verwegenen Akteuren, die das Publikum in schieres Erstaunen versetzen.

Manchmal, fast nie, und dann aber doch: Am Sonntag in der fünften Runde des Kandidatenturniers treffen in Jekaterinburg die beiden Großmeister aufeinander, die sich zur Teilnahme an dieser letzten Vorstufe zur Weltmeisterschaft am wenigsten qualifiziert haben. Mit den weißen Steinen: der Russe Kirill Alexejenko, gerade 22, ein gut aussehender junger Mann mit roten Bäckchen und das in diesen Tagen der alles durchdringenden Krankheitserwartung.

Er kam als Wildcard der russischen Veranstalter ins Feld und ist von seiner Ratingzahl her der Schwächste im Feld. Aber je jünger ein Spieler ist, desto weniger verrät die Zahl über sein Können. Oft ist sie nach einem Turnier höher als vor dem Turnier. Man darf die Jungen nicht unterschätzen. Sie brennen, sie glühen, wie die Bäckchen.

Gleichwohl setzte es Kritik an Alexejenkos Nominierung. Wo steht er auf der Weltrangliste? Auf Platz 39 oder so. Gab es da nicht einen anderen Spieler, der unbedingt dabei sein müsste, weil seine Partien zu den schönsten zählen, die gespielt werden? Et voilà, an den schwarzen Steinen: der Franzose mit den drei Buchstaben, Maxime Vachier-Lagrave, MVL. Der 29-Jährige spielt großartig, fantasievoll, unerschrocken, nur manchmal, wenn es darauf ankommt, befällt ihn eine Gewinnhemmung, und so hat er die reguläre Qualifikation knappst verpasst.

Nachgerutscht ist er in letzter Minute, weil – wie an anderer Stelle schon erwähnt – der Aserbaidschaner Teymur Räcäbov wegen Corona zurückzog. Es ist dies ein Glücksfall für das Kandidatenturnier. MVL, auf der aktuellen Weltrangliste Nummer acht, geht so unvorbereitet wie frisch ins Rennen.

An diesem Sonntag, in der fünften Runde, haben die beiden nicht aus eigener Kraft qualifizierten Teilnehmer nun Gelegenheit, zu zeigen, was in ihnen steckt. Und sie tun es. Sizilianische Eröffnung, große weiße Rochade, Spiel auf beiden Flügeln, der schwarze König noch im Zentrum. Die Streitkräfte bringen sich in Stellung.

Maxime Vachier-Lagrave gegen Kirill Alexejenko: Der deutsche Großmeister Niclas Huschenbeth zeigt das Spektakel in seinem Video.

Im 17. Zug schlägt Alexejenko plötzlich rein in die gegnerische Königstellung – haut einen Bauern weg, Turmopfer! MVL nimmt den Turm nicht. Er revanchiert sich, ohne eine Minute zu überlegen, mit einem Gegenschlag in die weiße Königstellung: Springer weg, Turmopfer! Bis hierher kannten wohl beide alles aus häuslichem Studium. Nun fängt Alexejenko an zu grübeln – 50 Minuten lang. Fast so lang wie Alexander Grischtschuk am Tag zuvor, auch gegen MVL.

Alexejenko nimmt schließlich weder den schwarzen Turm, noch zieht er seinen angegriffenen weißen Turm weg. Sondern er schlägt ein zweites Mal in die schwarze Königstellung: Bauer weg, Springeropfer! MVL könnte jetzt den weißen Turm nehmen oder den weißen Springer nehmen oder seinen eigenen Turm in Sicherheit bringen. Nichts davon!