Wie verändert der Corona-Ausbruch Deutschland? Unser Reporter Henning Sußebach beschreibt das in der Serie "Aus einem anderen Land". An welche Orte er noch gelangt, mit welchen Menschen er (bei Wahrung der Empfehlungen des Robert Koch-Institutes) reden kann, liegt weniger an ihm als an den Umständen. Diese Krise ist auch für Journalisten neu, kaum jemand hat Erfahrung – jede Bürgerin und jeder Bürger ist gleichermaßen Laie wie Experte. Wenn Sie unseren Reporter auf Folgen des Corona-Ausbruchs und Geschehnisse in Ihrer Umgebung hinweisen wollen, schreiben Sie ihm: anderesland@zeit.de.

Dass man einen Artikel über einen Fußballprofi einmal so beginnt, ist auch neu: kein Ball rollt. Kein Schweiß rinnt. Keine Stollen klackern. Statt Rasengrün ist da Bürograu, als im Geißbockheim des 1. FC Köln ein Interview beginnt mit einem Mann, der nicht im Raum ist. Da liegt nur ein iPad auf einem Besprechungstisch, darauf zu sehen ist ein junger Kerl im Hoodie, hinter ihm keine Sponsorenwand, sondern ein Lampenschirm und eine Zimmerdecke. Simon Terodde, 32, Stürmer des FC, hat sich in den vergangenen Wochen in einen Jedermann verwandelt, sitzt zu Hause wie Millionen andere. Er ist nur noch ein digitalisiertes Gesicht.

Terodde ist einer von rund 500 Erstligaprofis in Deutschland. Deren Situation ist längst nicht so prekär wie die vieler anderer Bürger. Doch – zumindest den gelernten Reflexen nach  – ist sie immer noch sehr interessant, der Fallhöhe wegen: ein Fußballerkörper, jahrelang auf Dynamik trainiert, von einem Tag auf den anderen stillgelegt. Vor wenigen Wochen noch omnipräsent, jetzt unsichtbar. In der Spaßgesellschaft systemrelevant, im Notstand verzichtbar.

Was macht man da, in diesem Off?

Im weitgehend leeren Clubhaus des Vereins rückt der Kommunikationschef des Vereins das iPad zurecht, und so beginnt ein Interview in Zeiten des Kontaktverbots.

ZEIT ONLINE: Herr Terodde. Es ist zehn Uhr morgens, ein Werktag. Was würden Sie jetzt eigentlich tun?

Terodde: Ich wäre um acht Uhr dorthin gefahren, wo jetzt Sie absurderweise sitzen. Zuerst hätte ich mit meinen Mannschaftskollegen gefrühstückt, jetzt würde ich auf unserem Trainingsplatz stehen. Wenn Sie aus dem Fenster gucken, müssten Sie ihn sehen.

Natürlich: Frühlingsgrün leuchtet das Geviert durchs Fenster. Im Geißbockheim hat zwar der Fanshop geschlossen, das Restaurant ist dicht, aber täglich wird Rasen gemäht. Der Verein hat das Team der Platzwarte in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich nicht mehr begegnen dürfen, als gelte es, den Betrieb eines Kraftwerks zu sichern. Vermutlich ist der Rasen im besten Zustand seit Jahren.

ZEIT ONLINE: Wie vielen Menschen wären Sie an einem Tag wie diesem bislang begegnet?

Terodde: Bei gutem Wetter wie heute fünfzig bis hundert Leuten. Dann wären ja auch Fans da. Ist jetzt jemand da?

ZEIT ONLINE: Niemand.

Terodde: Wahnsinn.

ZEIT: Wie sehen jetzt Ihre Tage aus?

Terodde: Ich bin zu Hause bei meiner Familie. Wir wohnen nur ein paar Hundert Meter vom Stadion entfernt, nach Heimspielen bin ich zu Fuß nach Hause gegangen, aber jetzt ist das Stadion gefühlt sehr weit weg. Ich wache morgens um sieben auf, weil unsere beiden Kinder mich wecken. Wir frühstücken zusammen, was sich trügerisch nach Urlaub anfühlt – wir haben ja Trainingspläne bekommen. In der Regel gegen zehn Uhr gehe ich raus in den Garten, lege eine Isomatte hin und mache die vorgegebenen Mobilisierungsübungen, um das Gewebe warm zu machen. Danach mache ich Kraft- und Stabilisationsübungen. Nach etwa einer Stunde ziehe ich meine Laufschuhe an und drehe im Wald meine Runden: Intervallläufe, zum Beispiel abwechselnd vier Minuten intensiv, vier Minuten für die Ausdauer. Der Verein hat uns Spielern auch Spinningräder geliefert für den Fall, dass wir gar nicht mehr rausdürfen.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als bekämen Sie jetzt Hausaufgaben wie die Millionen von Schulkindern.

Terodde: Kann man so sagen. Wir zeichnen während der Läufe auch die Daten auf und schicken sie unserem Fitnesstrainer.

ZEIT: Sie haben bislang kein einziges Mal den Begriff Ball erwähnt.

Terodde: Mit wem soll ich "Fünf gegen Zwei" oder "Sieben gegen Sieben" spielen? Gerade ist jeder von uns allein. 

Ein Fußballspieler ohne Ball – es gibt wohl kein besseres Bild dafür, dass das Leben von Profisportlern derzeit besonders entkernt ist. Da ist keine Mannschaft mehr. Kein Publikum. Kein Spieltag. Keinerlei Struktur.

ZEIT ONLINE: Können Sie beziffern, wie viel Prozent Ihres eigentlichen Lebens gerade weg sind?

Terodde: Ich würde sagen: achtzig. Ich habe ja meine Familie. Aber sonst? Für einen Leistungssportler steht nun mal der Sport im Mittelpunkt. Und bei uns Fußballern kommen noch viele vorgegebene Termine dazu. Training, Medien, Sponsoren. Der Kontakt zu den Fans. Alles weg. Auch der Druck, die Gedanken übers nächste Spiel sind weg. Heute morgen habe ich zum Beispiel zu meiner Frau gesagt: Du, wenn ich mich jetzt abends ins Bett lege, schlafe ich in fünf Minuten ein. Sonst ist das nicht so.