Wolfgang Stark ist ein höflicher Mensch, der Auskunft gibt, wenn er gefragt wird. Das hätte der Schiedsrichter auch gerne nach dem brisanten Derby zwischen Dortmund und Schalke am vergangenen Wochenende getan. Er durfte aber nicht. Dabei gab es genug kniffelige Szenen, die einer Erklärung bedurft hätten: das vermeintliche Tor des Dortmunders Lucas Barrios etwa oder der angebliche Ellenbogencheck des Schalker Torhüters Manuel Neuer.

Umringt von Journalisten, konnte Stark nur mit den Schultern zucken und sagen: "Ich kann mich zu diesen Vorfällen nicht äußern, das hat mir die Fifa im Vorfeld der WM verboten." Der Fußballweltverband hat vor Kurzem den nationalen Verbänden ein Richtlinienpapier zukommen lassen. Darin werden die Schiedsrichter, die wie Stark zum engeren Kreis der WM-Kandidaten gehören, aufgefordert, öffentliche Stellungnahmen zu unterlassen,

Das kommt einem bekannt vor: Die Fifa verhängte bereits im Verlauf früherer WM-Turniere Redeverbote. Die Referees durften sich nur an ausgesuchten Terminen, den sogenannten Open Days, den Medien stellen. "Das ist schon länger so üblich", bestätigt Volker Roth, der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses im DFB. Neu ist allerdings der Zeitpunkt. Weit vor Beginn der WM 2010 in Südafrika untersagt der Weltverband die Unparteiischen, Statements zu ihrer Spielleitung abzugeben.

Das schadet dem Ansehen der Schiedsrichter
Markus Merk zum Redeverbot der Fifa

Der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk findet diese Form der Entmündigung erschreckend. "Das schadet dem Ansehen der Schiedsrichter und passt nicht ins 21. Jahrhundert", sagt er ZEIT ONLINE. Die Unparteiischen seien gestandene Persönlichkeiten, die Stellung beziehen sollen und dies auch wollen. "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf", betont Merk und fügt hinzu: "Der Schiedsrichter steht unmündig da, wenn er vor laufenden TV-Kameras Auskunft über seine Entscheidungen geben soll, aber nicht darf."

Der Deutsche Fußballbund (DFB) vertritt im Gegensatz zur Fifa seit Jahren eine offene Medienpolitik und ermutigt seine Schiedsrichter, sich zu ihrer Spielleitung in der Öffentlichkeit zu äußern. Dem DFB dürfte das Vorgehen der Fifa somit nicht gefallen, mit einer Kritik hält er sich jedoch zurück. "Wir nehmen die Regelung für die WM-Kandidaten zur Kenntnis und haben sie zu akzeptieren", sagte Pressesprecher Harald Stenger.

Der DFB akzeptiert das Vorgehen der Fifa, doch kann er es auch verstehen? Wohl kaum. Die Schiedsrichter haben in den vergangenen Jahren bei Spielern, Fans und Medien an Wertschätzung gewonnen, gerade weil sie nach dem Spielende sich den Fragen der Journalisten stellen und auch Fehler öffentlich eingestehen.

Merkwürdigerweise bestreitet der Fußballweltverband auf Anfrage von ZEIT ONLINE das Redeverbot. In einem Schreiben aus der Züricher Zentrale heißt es: "Wir sind überzeugt, dass Schiedsrichter und andere Spieloffizielle als wichtiger Teil der Fußballs offen und für Medien zugänglich sein sollten."

Gleichzeitig vertritt die Fifa jedoch die Meinung, "dass die Schiedsrichter sich nicht öffentlich zu bestimmten Vorfällen oder einzelnen Entscheidungen in einem Spiel äußern sollen". Ihre Begründung: Die Beurteilung der Schiedsrichter solle nur intern und vertraulich durch die Schiedsrichter-Beobachter erfolgen. Hat Fifa-Präsident Joseph Blatter etwa Angst, dass sich die Spielleiter im Gespräch mit den Journalisten kritisch zu aktuellen Fragen des Fußballs äußern?

Markus Merk, der mit seinen kritischen Kommentaren im Weltverband oft aneckte, hält die Aussage der Fifa für "wachsweich". Auf der einen Seite suggeriere sie eine offene Medienpolitik, auf der anderen Seite erteile sie den Schiedsrichtern ein Redeverbot. Merk spekuliert erst gar nicht, welche Gründe dahinter stehen, ein vernünftiger Grund fällt ihm nicht ein.

Merk kann es seinem ehemaligen Kollegen Wolfgang Stark nicht verübeln, dass dieser nach dem Revierderby den Journalisten nicht Rede und Antwort stand. Ihm sei gar nichts anderes übrig geblieben, als sich an die Fifa-Vorgaben zu halten, "sonst wird der Rotstift angesetzt", und der Traum, bei der WM zu pfeifen, wäre beendet.