stern tv wird zur Couch für Fußballgestrandete. Nachdem im Mai Deutschlands WM-Held Jürgen Klinsmann seine Entlassung in München mit Günther Jauch aufarbeitete , sprach dort am Mittwochabend der Ex-Profi Sebastian Deisler , 29, über seine Wunden, die ihm das Sportbusiness zugefügt hat.

Im Zentrum des fünfzehnminütigen Dialogs stand sein Wechsel von Berlin nach München im Jahr 2002. Auf Wunsch seines damaligen Klubs Hertha BSC und dessen Manager Dieter Hoeneß habe Deisler der Öffentlichkeit den anstehenden Transfer verheimlicht. Nachdem dies durch eine Indiskretion einer Bank bekannt wurde, habe der Verein Deisler "im Regen stehen lassen". Deisler beharrte auf Hoeneß' Mitschuld: "Es sind üble Dinge passiert. Ich war der Verräter, der alle belogen hat." Deisler wurde von Berliner Fans geschmäht, vom Boulevard als Abzocker abgestempelt, er soll sogar Morddrohungen erhalten haben. "Daran", sagte er, "hab' ich lange zu knabbern gehabt."

Es wurde deutlich: Die Geschichte, die acht Jahre zurückliegt, schmerzt Deisler noch immer sehr. Auch die knapp drei Jahre Abstand, die zwischen seinem Ausstieg aus dem Fußball und heute liegen, haben nicht genügt, um ihn Distanz gewinnen zu lassen. Gestern sah man einen Gebrochenen, einen Wütenden, einen Unversöhnlichen, dessen Tatkraft nicht optimistisch klingt, sondern verbittert: "Ich hatte sieben Knieoperationen und bin immer wieder aufgestanden. Ich werde auch jetzt wiederkommen." Deisler sagte auch: "Ich bin noch nicht so weit."

Zu seinen Perspektiven befragt, entgegnete er Jauch , er habe "noch keinen Plan", könne sich aber vorstellen, im Jugendfußball aktiv zu werden: "Ich möchte Kindern den Spaß am Spiel vermitteln." So sehr ihm das zu wünschen ist – den Eindruck, dass er dazu in der Lage ist, hinterließ er gestern nicht. Aus Deisler, dem Hoch- und Frühbegabten, ist alles Leichte und Spielerische entwichen.

Vor dem Hintergrund dieses erschreckenden Auftritts und den offenen Aussagen im ZEIT-Interview aus der vergangenen Woche verblasst die Frage danach, ob Deisler tatsächlich nur Opfer ist. Ein Opfer des Leistungsdrucks und der Boulevardisierung im Fußball sicher. Noch mehr ein Opfer seiner Depression, einer oft genetisch bedingten Krankheit. Doch eines hätte auch dem damals 21-Jährigen klar sein können: Der 20-Millionen-Mark-Scheck der Bayern , der den Transfer in Gang gesetzt hatte, musste bei Hertha-Fans Unmut auslösen.

An diesem Donnerstag erscheint Zurück ins Leben , das Buch, in dem der Journalist Michael Rosentritt ( Tagesspiegel ) Deislers Leiden notiert hat. Deisler schießt schon lange keine seiner phänomenalen Tore, Pässe und Flanken mehr; seine Geschichte wird den deutschen Fußball begleiten und ein dunkles Kapitel bleiben.