ZEIT ONLINE: Herr Lahm, vier Tage, nachdem Sie sich für Südafrika qualifiziert hatten, wurden Sie und Ihre Mannschaftskollegen gegen Finnland ausgepfiffen. Ärgert Sie das?

Philipp Lahm: Ich kann die Pfiffe verstehen. Die Leute haben bezahlt und sind von weit angereist. Wir haben uns zwar bemüht, doch nicht gut gespielt. Freundschaftsspiel hin oder her – die Fans wollen unterhalten werden. Als Nationalspieler repräsentiert man das Land.

ZEIT ONLINE: Kann die dauerhaft hohe Erwartung der Fans nicht auch eine Belastung sein?

Lahm: Fußball ist nun mal ein leistungsorientierter Sport. Der Druck auf die Spieler beginnt übrigens nicht erst als Profi. Schon in der Jugend kämpft man um einen Platz in der Startelf und um den Aufstieg in die höhere Klasse. Man wächst damit auf, ständig verglichen zu werden: mit den Kollegen, mit dem Gegner. Als Profi dann vor den Augen von Millionen. Da steht man unter Druck.

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ZEIT ONLINE:Sebastian Deisler hat unter diesem Druck gelitten. Sie haben mit ihm zwischen 2005 und 2007 in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern gespielt. Wie reagierten Sie, als Sie von Deislers Depression erfuhren?

Lahm: Wir in der Mannschaft wussten schon vorher von Sebastians Krankheit. Als sie öffentlich wurde und er seine Karriere beendete, war ich sehr traurig. Wir verloren einen Kollegen und einen genialen Fußballer.

ZEIT ONLINE: In einem Interview mit der ZEIT und in seiner Biografie sprach Deisler von einigen Spielern, die ihn immer verstanden, die er mochte. Er nannte unter wenigen anderen Sie. Waren Sie befreundet?

Lahm: Freundschaft wäre zu viel gesagt. Wir haben immer miteinander geredet, auch mal gelacht und sind anständig miteinander umgegangen. Wir waren sehr gute Kollegen.

ZEIT ONLINE: Das galt offenbar nicht für alle. In seinem Buch heißt es: "In der Bayern-Kabine Mensch zu sein, ist gar nicht so leicht. Das schaffst du nur, wenn du dir sagst: Ich bin der Größte. Du baust auf dich und unterdrückst deine Gefühle."

Lahm: Ich bin auch in der Kabine Mensch. Bei Bayern München gibt es einen großen Konkurrenzkampf, dem stelle ich mich gerne.

ZEIT ONLINE: Von einigen Spielern soll er "die Deislerin" genannt worden sein. Ist Mobbing verbreitet im Fußball?

Lahm: Sebastian hatte es zugegebenermaßen nicht immer leicht. Aber ich denke, Mobbing gibt’s im Fußball nicht mehr als woanders in der Gesellschaft. Klar ist, jeder kämpft erst mal für sich selbst. Bedenken muss man auch: Wir sind eine Gruppe von Männern.