Die 50-plus-1-Regel bleibt bestehen, das ist gut. Sie hat große Akzeptanz. Nicht nur in den Vereinen. Auch die meisten Fans fürchteten eine weitere Entfremdung vom Fußball, für sie ist die Regel heilig. Akzeptanz ist aber notwendig, wenn man einen so wegweisenden Schritt gehen will.

Doch die 50-plus-1-Regel muss angepasst werden, denn sie lässt Ausnahmen zu: Bayer Leverkusen, der aktuelle Tabellenführer, und der Deutsche Meister VfL Wolfsburg profitieren davon. Zudem umgeht die TSG Hoffenheim, Herbstmeister der vorigen Saison, offenbar die Klausel. Alle drei Vereine beleben den deutschen Fußball. Doch im Sport muss gelten: gleiche Regeln für alle.

Außerdem verstößt die Regel nach Meinung vieler Juristen gegen andere Gesetze, etwa gegen das europäische Kartellrecht, wie Professor Peter Heermann von der Universität Bayreuth sagt. "Vor der europäischen Wettbewerbsbehörde", ergänzt er, "wird sie wahrscheinlich keinen Bestand haben." Martin Kind hat mehrfach angedeutet, nach einer Niederlage die Gerichte anzurufen.

Die Debatte um Investoren trifft oft den falschen Ton, wenn von Scheichs und reichen Russen die Rede ist, trägt das stereotype Züge. So schürt man Angst vor fremdem Geld. Dabei werden Fehler und Missstände in Finanzfragen der Bundesliga überdeckt: Dortmund wirtschaftete unseriös, Schalke scheint nicht daraus gelernt zu haben. Zudem steckt viel öffentliches Geld im deutschen Profifußball, etwa die Quasi-Steuern der GEZ, Subventionen für den Stadionbau durch Stadt, Land und Bund, Sponsorgeld von teilstaatlichen Unternehmen wie Volkswagen, HSH Nordbank, Deutsche Bahn oder Telekom.

Und hat man eigentlich vergessen, welche unrühmliche Rolle die Telekom im Radsport gespielt hat? Ihr Verdienst für den sauberen Sport hält sich in Grenzen.

Allerdings sollte man die 50-plus-1-Regel nicht isoliert sehen. Nicht nur der deutsche Fußball, sondern der globalisierte, kommerzialisierte, moderne Profisport hat einige Fragen zu beantworten: Soll man Gehälter und Ticketpreise deckeln? Inwieweit ist der Sport juristisch mit der Wirtschaft gleichzusetzen, wo darf er autonom handeln? Auf welche Weise soll er Doping und Korruption bekämpfen und vorbeugen? Wie ist das Verhältnis zwischen Verein und Verband zu gestalten? Wie sind Mehrheitsbeteiligungen, etwa der Einstieg der Volkswagen-Tochter Audi, in München zu regeln? Und eben: Welche Macht darf ein Verein Kapitalgebern einräumen, und wie gewährleistet man Fans und Mitgliedern Mitbestimmung?

Es bedarf eines neuen Regelwerks. Die Beteiligten dieser Gesetzgebung sollten vielen Segmenten entstammen, auch der Politik. Sie müssen ihr Vorhaben mit Ruhe und Weitsicht angehen. Martin Kinds Vorschlag war ein ausgearbeiteter Kompromiss, der Vorwurf Turbokapitalismus trifft auf ihn nicht zu. Doch stand er im Verdacht, er habe seinen Antrag auf seine Bedürfnisse in Hannover zugeschnitten.

Er hat keinen Lobbyismus betrieben, sagt Kind. Aber auch eben keine Politik. Wenn er sich vom traurigen Tod seines Tormanns erholt hat, sollte er den Versuch nachholen, sich Mehrheiten zu beschaffen.