Um es vorwegzunehmen: Die Nacht der Nächte habe ich verschlafen. Kein Witz, als die Mauer sich öffnete, lag ich in meinem Bett.

Ich war damals 17 und wohnte noch bei meinen Eltern in Pankow. Mitten in der Woche ging ich relativ früh ins Bett. Ich war Lehrling beim VEB Bergmann-Borsig, wo ich eine Elektriker-Lehre absolvierte. Ich musste morgens um fünf Uhr raus. Und so kam es, dass ich das Jahrhundertereignis, das quasi vor der Haustür stattfand, komplett verpasste. Meine Eltern hatten mich nicht geweckt. Meine Mutter schlief auch schon, als die Bilder im Fernsehen liefen und mein Vater hielt es nicht für so spannend, uns zu wecken.

Am nächsten Morgen, dem des 10. November, ging ich wie immer ins Werk. Allerdings wunderte ich mich etwas, dass kaum ein Lehrling da war. Überhaupt war der riesige Betrieb relativ leer. Dann erzählten mir die ersten Kollegen, dass vergangene Nacht die Mauer gefallen sei. Ich wollte es erst nicht glauben. Mir schossen damals viele Gedanken durch den Kopf. Der erste war: Jetzt können wir ja rüber! Rüber nach Westberlin. Ich verdrängte irgendwie diesen ersten Gedanken, weil ich ihn gar nicht fassen konnte.

Klar, auch ich hatte die Entwicklungen in den Wochen zuvor verfolgt, die Demos in Leipzig und die am 4. November in Berlin. Ich habe damals gehofft, dass es vielleicht ein paar Verbesserungen für uns normale Menschen geben würde. Aber dass man von einer auf die andere Minute in den Westen fahren konnte - einfach so - nein, das lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Umso schöner war es dann, als ich die ersten Bilder sah.

Ich bin erst drei Tage später rüber, zusammen mit meiner damaligen Freundin, meiner heutigen Frau, und einem befreundeten Paar. Wir nahmen den Grenzübergang Bornholmer-Straße, der lag ja um die Ecke. Als wir am S-Bahnhof Zoo ausstiegen, sprach uns ein Herr mit Aktentasche an: "Kommt ihr aus dem Osten? Ich würde euch gern zum Bier einladen." Wie sich herausstellte, war er ein Universitätsprofessor, der ein wenig diese historischen Momente greifen und begießen wollte. Jedenfalls war das meine erste leibhaftige Bekanntschaft mit dem bösen Kapitalismus!

Wobei - so ganz stimmt das ja nicht, weil mein Großvater drei Schwestern hatte, die allesamt im Westen lebten: Tante Litti, Tante Paula und Tante Lucie. Letzterer, also Tante Lucie, die in Hamburg lebte, habe ich im Nachhinein meinen Weg zum Profi zu verdanken. Jedenfalls nicht weniger als der Wende. Ich kickte damals im Nachwuchs des BFC Dynamo. Bis 1988. Dann wurde ich aussortiert und musste gehen. Angeblich wegen Herz-Rhythmus-Störungen, die ich tatsächlich hatte, aber über sieben Ecken haben wir später erfahren, dass es doch an der West-Tante lag. Tante Lucie hatte uns wohl ein paar Male zu oft in Ostberlin besucht.