ZEIT ONLINE: Herr Marbach, was halten Sie von der 50-plus-1-Regel?

Jürgen Marbach: Sie hat einen guten Dienst für den deutschen Fußball geleistet. Aber sie ist nicht mehr zeitgemäß. Der Profifußball lebt nicht mehr vom Ehrenamt.

ZEIT ONLINE: Sie werden also dem Antrag Martin Kinds auf Abschaffung zustimmen?

Marbach: Wir können in unserer speziellen Situation nicht dagegen stimmen.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf die Sonderregel der Liga für den VfL Wolfsburg an.

Marbach: Ja. Wir wollen uns ja nicht dem Vorwurf aussetzen, einen angeblichen Wettbewerbsvorteil für uns festzuzurren. Wir werden die Diskussion am Dienstag abwarten, wahrscheinlich werden wir uns enthalten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn einen Wettbewerbsvorteil?

Marbach: Nein, in der Etat-Tabelle der Liga stehen wir zwischen Platz 5 und 8.

ZEIT ONLINE: Wie hoch denn genau?

Marbach: Das sagen wir nicht. Aber dass wir Meister geworden sind, hat nichts mit einem finanziellen Vorteil gegenüber Bayern, Schalke, Hamburg oder Dortmund zu tun. Den haben wir nämlich nicht.

ZEIT ONLINE: Aber gegenüber Hannover 96 und Eintracht Braunschweig.

Marbach: Unbestritten. Wir haben sicher mehr Mittel zur Verfügung als Hannover. Als Braunschweig sowieso. Daher kann ich Martin Kind sehr gut verstehen. Es müssen gleiche Regeln für alle gelten, ich bin für ein freies Spiel der Kräfte. Ich glaube aber nicht, dass sein Antrag durchkommen wird. Die Angst vor englischen Verhältnissen ist groß.

ZEIT ONLINE: Was sind denn englische Verhältnisse?

Marbach: Hohe Schuldenstände, Insolvenzgefahr, kein Investment in Eigenkapital, Dominanz der Renditeorientierung der Kapitalgeber. Das ist ein gefährliches Spiel. Noch geht es alles in allem gut, siehe den internationalen Erfolg. Aber ich würde nicht drauf wetten, dass es nicht doch mal einen von den Großen erwischen könnte.

ZEIT ONLINE: Skeptiker wenden ein, ohne die 50-plus-1-Regel würden dem deutschen Fußball dieselben Probleme ins Haus stehen.

Marbach: Nicht, wenn man die Restriktionen durchsetzt, die Herr Kind für einen Investor vorsieht: Mindesthaltedauer der Investition von zehn, Mindestvorlauf von sechs Jahren, umfangreiches Prüf- und Genehmigungsrecht für den Verband und vieles andere. Wir müssen verhindern, dass Spekulanten und Kurzzeitliebhaber auf unseren Sport zugreifen.