Lutz Pfannenstiel, ehemaliger deutscher U-17-Nationaltorwart, spielte von 1999 bis 2000 in der ersten Fußballliga in Singapur. Im Frühjahr 2001 wurde er von einem Gericht in Singapur wegen der "Absicht des Wettbetrugs" verurteilt.

ZEIT ONLINE: Herr Pfannenstiel, Sie müssten sich aus eigener Erfahrung mit dem Thema Wettbetrug gut auskennen. Was haben wir im derzeitigen Skandal noch zu erwarten?

Lutz Pfannenstiel: Was die Ermittler im aktuellen Fall noch aufdecken werden, weiß ich nicht. Aber eines steht doch fest: In Osteuropa und Asien haben mächtige Syndikate das Wettgeschäft in der Hand. Solange man auch in Westeuropa auf Amateur- und Jugendspiele wetten kann, werden diese Betrüger immer wieder versuchen, auch hier Geschäfte zu machen. Während ich mich in Singapur auf den Prozess vorbereitet habe, habe ich mich intensiv mit dem Thema Wettbetrug im Fußball beschäftigt. Ich habe mit vielen Beteiligten gesprochen.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Kontakt zur Wettmafia?

Pfannenstiel: Ich sprach mit Runnern, gekauften Spielern und einem Chef eines Syndikats. Runner sind die Leute, die den Kontakt zum Spieler suchen und die Drecksarbeit erledigen. Ich glaube aber nicht, dass diese Leute hinter den aktuellen Betrugsfällen in Deutschland stecken.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Pfannenstiel: Wenn in Asien ein Spiel manipuliert wird, dann sind nicht nur zwei oder drei Spieler gekauft. Dann kaufen sich die Syndikate das halbe Team und den Schiedsrichter. Wer solch hohe Summen setzt, geht nicht das Risiko ein, von zwei, drei Spielern abhängig zu sein.

ZEIT ONLINE: Sie wurden 2001 in Singapur verurteilt und saßen mehrere Monate im Gefängnis. Haben Sie sich auch kaufen lassen?

Pfannenstiel: Ich habe mich nie kaufen lassen. Der ganze Fall war eine einzige Farce. Ich war Torwart einer Spitzenmannschaft, hatte im TV eine eigene Show und galt in der Liga in Singapur als einer der ausländischen Stars. Irgendwann sprachen mich Fans an einer Tankstelle und im Supermarkt an. Ich wurde gefragt, ob wir die nächsten Spiele gewinnen. "Ja", sagte ich, "wir sind Tabellenführer, und das Team ist gut drauf. Wir werden gewinnen." Das waren die Worte, wegen denen ich am Ende wegen der sogenannten "Absicht des Wettbetrugs" verurteilt wurde. Die nächsten zwei Spiele haben wir gewonnen, das dritte endete Unentschieden, in dieser Partie wurde ich zum "Man of the match" gewählt.

ZEIT ONLINE: Sie wurden verurteilt, weil Sie zu gut gespielt hatten? Das klingt seltsam.

Pfannenstiel: Natürlich, das war auch seltsam. Der Hintergrund war ja ein anderer: Die Offiziellen des Staates und der Fußballliga mussten damals etwas gegen den offensichtlichen Wettbetrug unternehmen. Sie brauchten einen bekannten Spieler, den sie in einem spektakulären Fall verurteilen konnten. Während der Verhandlungstage berichteten viele Medien jeden Tag live. Aber am Ende konnte ich meine Unschuld beweisen. Es wurde im Gerichtssaal bewiesen, dass ich kein Geld angenommen hatte und nie ein Spiel manipuliert hatte. Letztlich stand mein Wort gegen das Wort eines Buchmachers.

ZEIT ONLINE: Aber Sie wurden verurteilt?

Pfannenstiel: Darum ging es ja. Zuerst wollten sie mich wegen Wettbetrugs verurteilen. Wenn ich das akzeptiert hätte, hätte ich eventuell ein paar Tage hinter Gitter müssen, aber dann wäre die Sache erledigt gewesen. Ich habe aber niemals ein Spiel verkauft und das auch immer gesagt. Am Ende änderten die Staatsanwälte die Anklage in "Absicht des Wettbetrugs". So etwas gibt es in Deutschland oder Europa gar nicht. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit einem Freund in einem Pub und sagen ihm, morgen werden wir eine Bank ausrauben. Danach passiert gar nichts. Aber in Singapur hätten sie damals wegen der Absicht des Banküberfalls verurteilt werden können.

ZEIT ONLINE: Die Polizei muss Ihnen doch etwas Konkretes vorgeworfen haben, als Sie verhaftet wurden?