Im Fußball-Wettskandal soll auch ein Schiedsrichter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ins Visier der Ermittler geraten sein. Das berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Der Unparteiische soll bei einem Spiel der Regionalliga Süd im Mai Schmiergeld von den mutmaßlichen Wett-Betrügern kassiert haben.

Nach Angaben des Magazins soll auch der Regionalligist SSV Ulm tiefer in den Wettskandal verwickelt sein, als bislang bekannt. Vier Begegnungen in der Endphase der vergangenen Saison sollen angeblich unter Manipulationsverdacht stehen. Die Spieler des Süd-Regionalligisten, der an diesem Samstag ein Auswärtsspiel in Karlsruhe bestreitet, bestreiten dies. Sie haben eine Erklärung unterschrieben, dass sie an keinerlei Wettmanipulationen beteiligt sind oder waren.

Unter Verdacht: Der VfL Osnabrück ist fassungslos. Tobias Romberg berichtet © Friso Gentsch dpa/lni

Der Vorstand und der Aufsichtsrat des SSV Ulm 1846 glauben ihnen. "Wir gehen davon aus, dass wir von dem Wettskandal nicht betroffen sind", erklärte Ulms Vize-Präsident Mario Meuler. Man werde "alles in ihrer Macht stehende zu tun, um so schnell wie möglich, aber auch so gründlich wie nötig, mitzuhelfen diese unglaublichen Vorwürfe aufzuklären".

Auch der VfL Osnabrück steht nach Informationen der Neuen Osnabrücker Zeitung im Visier der Ermittler. So soll es bei zwei VfL-Auswärtspartien in der Spielzeit 2008/09 zu Manipulationen gekommen sein: zum einen beim Auswärtsspiel der Osnabrücker beim FC Augsburg (0:3) am 17. April 2009 und zum anderen beim 1. FC Nürnberg (0:2) am 13. Mai 2009. Die Staatsanwaltschaft Bochum sagte am Freitag hingegen nichts über betroffenen Spiele, Vereine und Personen.

Claus-Dieter Wollitz, der frühere Osnabrücker Trainer, zeigte sich dennoch erschüttert – so wie viele Fußball-Verantwortliche in Vereinen, der DFL und des DFB. "Ich will das nicht glauben. Ich möchte nicht, dass das wahr ist, weil dann bricht für mich eine Welt zusammen", sagte Wollitz zu Manipulationsvorwürfen gegen drei seiner ehemaligen Spieler.

Europas Fußball wird vom größten Betrugsskandal seiner Geschichte erschüttert. Der Manipulationsverdacht reicht den Ermittlern zufolge bis in die Champions League und die Europa League. Größtenteils sollen Erstligaspielen, insgesamt rund 200 Spiele betroffen sein. Es gebe "bisher über 200 Tatverdächtige", hatte die Staatsanwaltschaft Bochum und die Polizei am Freitag mitgeteilt.

Für Betrügereien sollen nach Medienberichten zwischen 5000 und 25.000 Euro geflossen sein. Im Zuge der mutmaßlichen Betrügereien seien zehn Millionen Euro ausgezahlt worden sein. Die Ermittler sprachen im Fall ihrer bisherigen Erkenntnisse von der "Spitze eines Eisbergs".

Knapp fünf Jahre nach den Wett-Betrügereien um Schiedsrichter Robert Hoyzer verfolgen Staatsanwaltschaft und Polizei auch in Deutschland ein Korruptionsgeschehen ungeahnten Ausmaßes. Nach vorläufiger Darstellung der Staatsanwaltschaft und der Polizei Bochum sind hierzulande insgesamt 32 Spiele der 2. und 3. Liga sowie der Regional- und Oberliga betroffen. Mit Belgien, der Schweiz, Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien, der Turkei und Ungarn sind acht weitere Länder ebenfalls im Visier.

DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte, sein Verband habe geglaubt, durch das nach dem vorherigen Wettskandal installierte Vorwarnsystem die Manipulationsmöglichkeiten weitestgehend ausschalten zu können. "Ich will jetzt noch nicht sagen: Es hat versagt. Ich glaube das wäre zu früh. Aber wir müssen mal gucken, warum wir nicht gewarnt worden sind", sagte er. Bereits am Freitag hatte Zwanziger zugesagt, DFB und Ligaverband würden sich an einer lückenlosen Aufklärung der Verdächtigungen beteiligen. Zunächst gelte aber die Unschuldsvermutung.

Wir müssen mal gucken, warum wir nicht gewarnt worden sind
DFB-Präsident Zwanziger

Die Vorsitzende von Transparency International Deutschland, Sylvia Schenk, forderte eine "Null-Toleranz-Haltung" gegenüber derlei Betrügereien. Notwendig seien Strafgesetze, Kontrollen, Frühwarnsysteme, damit es den Tätern so schwer wie möglich gemacht werde, sagte die Korruptionsbekämpferin im Deutschlandradio Kultur. Darüber hinaus müsse auch über die Moral und das Unrechtsbewusstsein bei Spielern, Schiedsrichtern und Funktionären gesprochen werden.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lehnte Gesetzesverschärfungen ab. Die Verurteilungen im Wettskandal 2005 zeigten, "dass auch auf der Basis des geltenden Rechts Manipulationen und Betrugsvorwürfe im Sport sachgerecht geahndet werden können", sagte sie dem Tagesspiegel am Sonntag.

Die deutschen Behörden haben inszwischen 15 Verdächtige verhaftet, darunter auch Ante S.. Der 33-Jährige  war als mutmaßlicher Drahtzieher des Hoyzer-Skandals 2005 vom Landgericht Berlin zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden.