Am frühen Freitagabend, als sich der Präsident des VfL Osnabrück vor der Geschäftsstelle den Fernsehkameras stellt, glaubt der Drittligist, die Situation im Griff zu haben. Dabei hat er die Kontrolle über die Ausmaße des Wettskandals längst verloren.

Der Präsident verliest paralysiert eine Pressemitteilung, die man ihm kurz vorher in die Hand gedrückt hat. Er tut dies so monoton, dass er erst spät merkt, dass er in der dritten Person von sich selbst spricht ("äußerte sich VfL-Präsident Doktor Dirk Rasch nach Bekanntwerden der Spekulationen"). Danach findet er einige emotionale, da frei gesprochene Worte, die den Nachfragen der Journalisten gelten und ihnen doch nur ausweichen. "Die Globalisierung hat nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile", sagt Rasch.

Die Argumentation ist einfach: Gegen eine internationale Bande ist man nicht gewappnet. Nicht in Osnabrück. Nicht als kleiner Traditionsverein. Natürlich sei man nun schockiert, man wolle zur Aufklärung beitragen, werde sich aber nicht an Spekulationen beteiligen. Außerdem handele es sich bei den Vorwürfen um Spieler der vergangenen Saison 2008/2009, von denen jetzt nur noch wenige im Kader sind. Der Präsident versucht, einen Schutzwall um seinen lila-weißen VfL aufzuschütten.

Eine halbe Stunde später wird der Schutzwall von der Sturmflut des neuen Skandals und der Macht der Gerüchte weggespült. Die Nachricht konnte härter kaum sein. Medien berichten, dass drei Haftbefehle gegen Osnabrücker Spieler vorliegen. Gegen zwei ehemalige und einen amtierenden. Und dieser sei kein geringerer als der ehemalige Bundesligaspieler, Osnabrücker Publikumsliebling und VfL-Kapitän Thomas Reichenberger. Später liest sich die Meldung dann weniger dramatisch: Nun heißt es, drei Osnabrücker Spieler stünden "unter Betrugsverdacht". Der Name Reichenberger bleibt aber stehen.

"Ich habe vorhin noch mit Tommy gesprochen. Er ist überrascht, ist aber zu Hause und nicht verhaftet", sagt eine Mitarbeiterin der Pressestelle des VfL Osnabrück mit dünner Stimme wenig später am Telefon. In einem Fanforum im Internet macht sich derweil die Hoffnung breit, dass es sich vielleicht doch nur um haltlose "Hetze" der Springer-Presse handelt. Doch der oberste VfL-Anhänger, der Fanbeauftragte des Vereins, Andreas Zimmermann, weiß am späten Abend Gegenteiliges zu berichten. Er habe aus sicherer Quelle erfahren, dass bis vor einigen Minuten drei Polizeiwagen vor dem Haus von Reichenberger gestanden haben. Laut VfL-Präsident Rasch handelt es sich dabei aber lediglich um eine reine "Schutzmaßnahme".

Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Wird hier gerade ein Osnabrücker Idol demontiert oder hat es sich bereits selbst demontiert? "Wenn das mit Reichenberger stimmt, dann bricht eine Welt zusammen", sagt Zimmermann. "Er ist für viele hier ein Gott, aber er hat letzte Saison auch ziemlich schlechte Spiele gemacht." Der Fanbeauftragte ist am Ende dieses "schlimmsten Tages in der VfL-Geschichte" von Zweifeln zermürbt. Er traut keinem mehr. "Letztlich wird doch der ganze Mist wieder auf dem Rücken der Fans ausgetragen, die weit reisen für ihren Verein, um dann verschaukelt zu werden." Dennoch appelliert er an die Vernunft: "Wir müssen jetzt abwarten."

Dass das vielen nicht leicht fällt, weiß Zimmermann. Den ganzen Tag über hat sein Telefon geklingelt. Erregte Fans wollten wissen, ob er denn nähere Informationen habe. Hatte er nicht. Er hat nur irgendwann von einem VfL-Mitarbeiter erfahren, dass bei dem Ex-Osnabrücker Marcel Schuon, der heute für den Drittligisten Sandhausen spielt, eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat. Und dann kam die Reichenberger-Nachricht. Es gibt ehemalige Spieler, denen würde Zimmermann charakterlich durchaus einiges zutrauen – "aber doch nicht dem Reichenberger".

In lokalen Internetforen und Fanportalen kursierten bereits am Nachmittag eine Menge Spielernamen aus dem VfL-Kader der vergangenen Saison. Die verletzte Fanseele hält nicht viel von dem Prinzip der Unschuldsvermutung, doch Reichenberger galt irgendwie als heilig. Er wurde nicht genannt.

Seine Autogrammkarte ist die einzige, die Wirt Heinz Hammoors in seiner Kneipe hintern Tresen angebracht hat. Ansonsten hängen dort Fotos von Fans oder von Hammoors "mobiler Kneipe". Vor Jahren hat er einen alten Feuerwehrwagen gekauft und umgebaut, nun juckelt er gelegentlich mit einigen Fans zu den Auswärtsspielen der Osnabrücker. Zu den beiden Partien der vergangenen Saison in Augsburg und Nürnberg, die zu Ungunsten der Osnabrücker manipuliert worden sein sollen, ist er nicht gefahren. Zu weit weg. Hammoor kennt die Seele der VfL-Fans, denn seine Eckkneipe klebt am Stadion. Vor den Spielen ist hier eine Menge los. Und nach den Spielen auch – zumindest dann, wenn der VfL gewonnen hat.

An diesem Freitagabend dagegen verirren sich nur wenige Fans in die Kneipe. Einige Gäste am Tresen diskutieren mit dem Wirt, was ihnen VfL-Spieler angetan haben könnten. Treffend dudelt das Radio Do you really want to hurt me von Culture Club. Die Osnabrücker Fans sind verletzt. "Das hätte ich dem VfL nicht zugetraut", sagt Heinz Dölling, 62 Jahre alt und seit 40 Jahren Fan der Lila-Weißen. "Wenn das alles stimmt, dann brauchen die drei Spieler aber Polizeischutz, damit ihnen keiner an die Gurgel geht", sagt Wirt Hammoors. "Es sind bestimmt noch mehr Spiele gewesen", schiebt ein anderer Gast ein. Und dann spekulieren sie, ob das entscheidende Relegationsspiel gegen den SC Paderborn, das zum Abstieg des VfL in die dritte Liga geführt habe, womöglich auch nicht ganz sauber war. Schließlich habe da ein Osnabrücker einen Elfmeter verschossen, der nun unter Verdacht stehe.

Die Gerüchteküche brodelt. Schon am frühen Abend, als der VfL-Präsident sein Statement kundtat, standen einige Stadion-Anwohner vor ihren Türen und spekulierten. Sie nannten Spiele, die sie gesehen haben und nun verdächtigen, und Spieler, die sie noch nie mochten. Einige der Anwohner wagten sich an Präsident Rasch und die Kameras heran. Einer sagte: "Den seinen Job will ich heute aber nicht haben."

Der Job wird in den kommenden Tagen nicht einfacher werden. Heute spielt der VfL Osnabrück gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund. Ob mit oder ohne Kapitän Thomas Reichenberger konnte am Freitagabend keiner sagen.