Es geschah am Mittwoch im traditionsreichen Celtic Park zu Glasgow: Kurz vor Ende des Fußballspiels rannte ein in eine Fahne gehüllter Zuschauer über das Spielfeld. Nur war es nicht die Fahne des Gastgebers oder des Gegners –  es war die Fahne Palästinas. Es war ein ganz normales Europaliga-Spiel, der schottische Vertreter Celtic Glasgow hatte gegen Hapoel Tel Aviv aus Israel 2:0 gewonnen. Doch im Zusammenhang mit diesem Spiel hatte es reichlich politischen Ärger gegeben. Wie war es dazu gekommen, hoch oben im Norden Europas?

In britischen Fußballarenen werden traditionell Fahnen geschwungen. Der Scottish Trades Union Congress (STUC), Dachorganisation der schottischen Gewerkschaften, der von sich behauptet, für mehr als 600.000 Mitglieder zu sprechen, hatte die Celtic-Fans aufgerufen, in einem "Akt der Solidarität" und aus Anlass des vor einem Jahr begonnenen Gazakrieges Palästinafahnen zu schwenken. "Millionen Menschen in der ganzen Welt werden zuschauen", hatte Dave Moxham, stellvertretender Gewerkschaftsboss, mit leichter Übertreibung des sportlichen Werts der Partie erklärt, "auch solche, die in Israel und Palästina leben".

Also ließ der STUC von den Beiträgen ihrer Mitglieder 10.000 Palästinaflaggen drucken, um sie gemeinsam mit der Scottish Palestine Solidarity Campaign (SPSC) vor dem Stadion zu verteilen. Die SPSC ist eine pro-palästinensische Gruppe, die für das Ereignis mit einem Plakat warb, auf dem ein prügelnder israelischer Soldat zu sehen war; dabei stand: "Wenn Du ihren Nationalsport" – gemeint ist das Prügeln  – "gesehen hast, wirst du wahrscheinlich weniger darauf versessen sein, Dir ihren Fußball anzuschauen."

Ein paar Fahnen wurden die etwa 60 Aktivisten bei dem Spiel auch los, doch meist wurden sie von den Ordnern des klubeigenen Geländes verwiesen. Celtic, der katholische der zwei großen Glasgower Vereine, hatte sich unmittelbar nach Bekanntwerden der STUC-Initiative dagegen verwahrt, dass das Stadion zum Ort einer politischen Demonstration wird. "Celtic glaubt daran, dass der Fußball ein Mittel der sozialen Integration ist", erklärte Vereinssprecher Iain Jamieson. "Celtic war immer ein Klub für alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer Religion, ihrer Rasse, ihrer politischen Anschauung oder ihrer Fähigkeiten." Der Klub forderte seine Fans auf, sich bei dem Spiel "verantwortungsbewusst zu benehmen".

In der schottischen Öffentlichkeit überwiegt die Empörung über die Aktion der Gewerkschaft. Schon in den Internetforen der Celtic-Fans hatte es kaum Pro-STUC-Stimmen gegeben. In einem Blog, den Celtic Quick News, hatte ein Fan den anreisenden Hapoel-Fans einen herzlichen Empfang gewünscht: "Ich hoffe, Ihr genießt Euren Aufenthalt in Glasgow und Euer Team wird gut untergebracht." Über 600 Kommentare, die allermeisten zustimmend, folgten dem Eintrag. Einer, der als "Greg" zeichnete, kommentierte, er könne sich nicht erinnern, dass es ähnliche Debatten bei Spielen gegen russische Teams, wegen Tschetschenien oder bezüglich Darfur, Tibet oder Kurdistan gegeben habe.

Als die Gewerkschafts- und Palästina-Aktivisten kurz vor dem Spiel ihre Materialien verteilen wollten, stellten die Celtic-Fans sie zur Rede. Auch Steven Purcell von der Labour-Partei und Vorsitzender des Stadtrats, übermittelte der STUC seine "Abscheu". Der Vorsitzende von Celtic Glasgow, John Reid, ein ehemaliger Labour-Politiker, Mitglied der Labour Friends of Israel und mit einer Jüdin verheiratet, war empört. Ken Collins, Ex-Vorsteher der Jüdischen Repräsentantenversammlung von Glasgow, sagte: "Israelische Fußballteams haben Juden und Araber in ihren Reihen. Jeder Versuch, mithilfe des Sports die Menschen zu trennen, ist falsch." Und Ron Prosor, der israelische Botschafter in London, der für das Spiel nach Glasgow gereist war, erinnerte an die Wurzeln der Tel Aviver Mannschaft im jüdischen Arbeitersport: "Weil Hapoel ein Team ist, das seine Wurzeln in den israelischen Gewerkschaften hat, mutet es schon ironisch an, dass die Menschen dagegen demonstrieren."

In der Tat hat Hapoel Tel Aviv im israelischen Fußball den Ruf eines linken Vereins – mit Fans, die immer da sind, wenn es gegen Rassismus oder andere Diskriminierungen im Fußball zu protestieren gilt. Die Palästinafreunde von SPSC interpretieren das so, dass der israelische Klub "den 'linken Flügel' von ethnischer Säuberung und Genozid" darstelle, wie SPSC-Chef Mick Napier in einem Artikel schrieb.