Fußball ist ein Riesengeschäft. Das ist etwa auf dem Markt der boomenden Fußballwetten zu beobachten. Aber auch der umsatzstarke Spielermarkt wird belauert. Erst vor einigen Tagen sprach sich Karl-Heinz Thielen, der Vorsitzende der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV), für die völlige Transparenz aller Transfer- und Provisions-Zahlen gegenüber der Deutschen Fußballliga (DFL) aus.

Das Online-Portal transfermarkt.de geht noch einen Schritt weiter: Die Internetagentur mit Sitz in Hamburg verbreitet sämtliche verfügbare Daten zehntausender Spieler im Netz, wo sie für jedermann einsehbar sind: Ihren sportlichen Werdegang, technische Eigenschaften, die Vertragslaufzeit und Transfersummen. Vor allem aber wird der Marktwert der Spieler taxiert.

Der Marktwert ist allerdings nichts anderes als eine Schätzung aus der Internet-Community, die sich an den öffentlich zugänglichen Informationen über einen Spieler orientiert (deutsch, beidfüßig, U21-Nationalspieler). Denn transfermarkt.de ist eine Mitmachseite – ähnlich des virtuellen Lexikons Wikipedia, das wiederum massenhaft für gezielte Manipulationen missbraucht wird. "Unser Kontakt zu den Beratern ist sehr stark", sagt transfermarkt.de-Geschäftsführer Matthias Seidel.

Von den Beratern kommen viele der Informationen. Aber alles würde von den registrierten Usern bewertet werden, versichert er. Es bleiben Schätzungen von Fußballfans. Transfermarkt.de legt Wert darauf, dass es keine "autorisierten Daten" verbreitet. Die Spieler werden daran gemessen, bei welchen Clubs sie bislang gespielt haben, in welchen Ligen, ob sie internationale Einsätze vorzuweisen haben, wie alt sie sind.

Im vergangenen Jahr ist das größte europäische Zeitungshaus, der Axel Springer Verlag, als Mehrheitsgesellschafter bei der Onlinedatenbank eingestiegen. Seither verweisen Springer Zeitungen wie Bild und Sport Bild regelmäßig auf transfermarkt.de als Quelle. Immer wieder geistern die Markwerte durch sämtliche Medien, und werden dort zu mutmaßlichen Fakten veredelt. In dieser Woche berichtete Bild darüber, dass der im Sommer ablösefreie Mittelfeldspieler Jan Rosenthal von Hannover 96 "bei transfermarkt.de mit einem Marktwert von 2,5 Millionen Euro gehandelt wird". Borussia Dortmund sei an ihm interessiert. Die kolportierte Summe verbessert die Verhandlungsposition des Spielervermittlers.

Bei einem Spieler wie Jan Rosenthal, der aus der Jugend von Hannover 96 kommt, ist Transparenz relativ einfach herzustellen. Aber Fußball ist ein globales Geschäft. Im Ausland ist es viel schwieriger seriöse Fakten zu ermitteln. In Ländern zumal, in denen Korruption ein Marktmechanismus ist. "Natürlich werden wir auch von Beratern aus der Ukraine angerufen, die uns irgendwelche Spieler zu völlig überhöhten Marktpreisen anbieten", beschreibt Seidel das Problem. Zwar gebe man diesem Druck keineswegs nach, aber die Berater versuchten es immer wieder.

Auch im Fall eines Spielers der kosovarischen Nationalmannschaft, also einer Mannschaft, die international gar nicht anerkannt ist, und nur Freundschaftsspiele bestreiten darf. Der Spieler kickt in der deutschen Regionalliga, und wurde von transfermarkt mit 250.000 Euro bewertet. "Aber sein Berater ruft alle zwei Wochen an, und sagt, dass er einen Marktwert von mehr als vier Millionen Euro hat, weil er nun Nationalspieler ist", berichtet Seidel.

 

30 bis 40 User sind für transfermarkt.de in einer Gruppe "Osteuropa" registriert, die Informationen prüfen. Angewiesen sind sie dabei auf das, was in den dortigen Zeitungen steht. Etwa in der Karpaty aus dem ukrainischen Lemberg. "Wissen Sie, Transparenz ist so ein westliches Modewort. Diese Tradition kennen wir hier bei uns nicht", sagte deren Eigentümer, der schwerreiche Oligarch Petro Petrowistch Deminski, dem auch der Erstligisten Karpaty Lemberg gehört.

Den Marktbeobachter der Transfermarkt-Community wird die Arbeit in Osteuropa durch eine fehlende freie Presse und versuchter Manipulation erschwert. Ein Beispiel aus Polen: Auf der Pressetribüne des Hauptstadtclubs Polonia Warschau sitzt ein Berater, der einen der Spieler aus der Gastmannschaft gerne an einen Verein aus Deutschland verkaufen möchte. Der Spieler stammt aus einem exotischen Land, dessen Liga sich völlig der europäischen Öffentlichkeit entzieht. Der Berater spricht Journalisten an, mit eindeutigen Avancen, dass ein positiver Bericht über diesen Kicker – in einem deutschsprachigen Medium zumal – nicht "zu Ihrem Nachteil wäre".

Es ist anzunehmen, dass Helmut Schulte solches Gebaren geläufig ist. Der erfahrene Sportdirektor des FC St.Pauli brachte in einem Interview mit dem WDRauf den Punkt, was er von den durch transfermarkt.de veröffentlichten Marktwerten hält: "Das ist für mich eine mittelseriöse Spielerei." Gleichsam gab Schulte eine Entwarnung: Schließlich ergibt sich der tatsächliche Preis eines Spielers immer daraus, worauf sich die Verhandelnden einigten.

Während sich der DFVV gemeinsam mit DFL und DFB des Themas Transparenz annimmt, man arbeitet an verbindlichen Standards, gibt der mächtige Weltverband Fifa die exakte Gegenrichtung vor: Eine weitere Liberalisierung des Marktes.

Im kommenden Jahr nun findet die WM in Südafrika statt. Zu dieser internationalen Spielermesse will transfermarkt.de ein gedrucktes Nachschlagewerk mit allen Turnierspielern veröffentlichen. Dabei dürften Nordkorea und Algerien eine echte Herausforderung für die Transfermarkt-Community sein.